25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 begeht Hamburg an diesem Freitag den Jahrestag mit gleich zwei Terminen: Am Vormittag legt Innensenator Andy Grote (SPD) vor dem ehemaligen US-Generalkonsulat am Alsterufer einen Kranz nieder, wo seit 2021 ein Mahnmal an die knapp 3.000 Opfer erinnert. Abends spricht der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz in der Laeiszhalle über die Rolle seiner Heimatstadt in der Vorgeschichte der Anschläge.
Der Titel des Abends im Kleinen Saal ist programmatisch: „25 Jahre NINE ELEVEN: Attentat auf die Twin Towers in New York - Weltpolitik in Hamburg“. Moderiert wird das Gespräch von Anna Sauerbrey, stellvertretende Leiterin des Politikressorts der ZEIT, die Lesung übernimmt der Schauspieler Joachim Lux. Die Veranstaltung ist Teil des Harbour Front Literaturfestivals.
Scholz war am 11. September 2001 Hamburger Innensenator und wurde binnen Stunden zur zentralen Figur der deutschen Ermittlungen. Am Nachmittag des 12. September erfuhren er und die Polizeiführung, dass die Spur der Attentäter in die Hansestadt führte. Um 22.18 Uhr übermittelte das FBI die Namensliste von 18 mutmaßlichen Beteiligten. Am 13. September trat Scholz vor rund hundert internationalen Journalisten im Polizeipräsidium und nannte zwei Namen, die um die Welt gehen sollten: Marwan al-Shehhi und Mohammed Atta.
Die Hamburger Polizei hat zu einem frühen Zeitpunkt und auf unsicherer Erkenntnislage hochprofessionell, konsequent und entschlossen gehandelt.
Marienstraße 54: die Adresse einer Weltkatastrophe
Drei der vier Todespiloten hatten jahrelang in Hamburg gelebt und studiert. Atta, ein Ägypter, schrieb sich 1992 an der TU Hamburg-Harburg für Stadtplanung ein und reichte 1999 seine Diplomarbeit über die Altstadt von Aleppo ein. Al-Shehhi kam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Libanese Ziad Jarrah studierte in Greifswald und dann in Hamburg. Zentraler Bezugspunkt der Gruppe war die Wohnung Marienstraße 54 in Harburg. Radikalisiert wurden die Männer nach Erkenntnissen der Ermittler in der Al-Quds-Moschee am Steindamm, angeleitet von dem Deutsch-Syrer Mohammed Haydar Zammar. Ende 1999 reisten sie in ein al-Qaida-Ausbildungslager in Afghanistan.
Nach der Rückkehr in Hamburg lief die Operation als Schläferzelle: unauffällige Studenten, geordnete Konten, keine gemeldeten Auffälligkeiten. „Das FBI bezeichnete die Gruppe ausdrücklich als Mitglieder einer in Hamburg ansässigen al-Qaida-Zelle“, schreibt Euronews in einer Rekonstruktion zum Jahrestag. Die eigentliche Steuerung habe jedoch bei der al-Qaida-Führung um Chalid Scheich Mohammed gelegen, Hamburg sei nicht das „geheime Hauptquartier“ gewesen, sondern der Ort, an dem sich das operative Kernpersonal traf.
Ein Urteil, ein Mahnmal, ein langer Schatten
Weltweit wurde nur an einem Ort ein Mitglied des Netzwerks verurteilt: in Hamburg. Mounir al-Motassadeq, ein Marokkaner, der bei Atta ein und aus ging, stand ab Oktober 2002 vor Gericht und wurde 2007 rechtskräftig wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Oktober 2018 wurde er nach Verbüßung der Strafe nach Marokko abgeschoben. Das Mahnmal am Alsterufer, 2021 gemeinsam von Bürgermeister Peter Tschentscher und dem damaligen US-Generalkonsul Darion Akins enthüllt, ist bis heute der zentrale öffentliche Erinnerungsort der Stadt an die Toten von New York, Washington und Shanksville.
Die Folgen für die Bundesrepublik reichten weit über Hamburg hinaus. Am 14. November 2001 brach ein Vorauskommando der Bundeswehr nach Afghanistan auf, es folgte der längste Auslandseinsatz der deutschen Streitkräfte. Erst im Juni 2021 verließen die letzten deutschen Soldaten das Land am Hindukusch. 60 von ihnen kamen dort ums Leben, viele weitere kehrten schwer verwundet oder traumatisiert zurück. Auch die deutsche Sicherheitsarchitektur wurde nach 9/11 grundlegend umgebaut, vom Terrorismusbekämpfungsgesetz über die Gemeinsamen Terrorabwehrzentren bis zu den erweiterten Befugnissen von BKA und Verfassungsschutz.
In New York versammelten sich am Freitag alle noch lebenden Ex-Präsidenten am Ground Zero, US-Präsident Donald Trump gedachte der Opfer im Pentagon. In Hamburg dürften am Abend in der Laeiszhalle Fragen im Vordergrund stehen, die Historiker wie Christoph Strupp seit Jahren beschäftigen: Was hätte die Stadt wissen können, was wusste sie tatsächlich - und was hat sich, ein Vierteljahrhundert später, wirklich verändert?