Seit Freitag, 7. August, 13 Uhr rollt kein Auto mehr über den Großteil der Adenauerbrücke in Esslingen am Neckar. Die knapp einen Kilometer lange Verbindung ist auf ihrem nördlichen Abschnitt zwischen Kurt-Schumacher-Straße und Ulmer Straße vollständig für Kraftfahrzeuge gesperrt, wie die Stadt Esslingen mitteilte. Etwa 30.000 Fahrzeuge nutzten die Strecke bislang täglich. Fußgänger, Radfahrer, Busse und Rettungsdienste dürfen die Brücke weiter befahren.
Auslöser sind Befunde aus Detailuntersuchungen, die das Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner (LAP) gemeinsam mit der Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart im Mai und Juni durchgeführt hatte. Prüfer öffneten den Beton und legten die Spannglieder frei, jene stählernen Zugelemente, die den in den frühen 1970er-Jahren errichteten Bau tragen. „Bei allen am Bauwerk untersuchten Spannelementen wurden mehr oder weniger große Risse an den Spanngliedern festgestellt“, zitiert die Stadt aus dem Bericht. Einzelne Stahlseile seien bereits gebrochen.
Die beschädigten Spannglieder können nicht ersetzt werden.
Brückenbauingenieur Thomas Gruseck macht klar, dass eine Reparatur ausgeschlossen ist. Bei einer routinemäßigen Hauptuntersuchung, so Gruseck, könnten Schäden an den einbetonierten Spannelementen nicht auffallen, „da sie von außen nicht zu sehen sind“. Man müsse daher davon ausgehen, dass die Belastung auf dem gesamten nördlichen Abschnitt entsprechend reduziert werden müsse. Eine akute Einsturzgefahr sieht die Stadt nach Angaben der Sachverständigen aktuell nicht.
Dieselbe Ursache wie in Dresden
Der Fall reiht sich in eine Serie bundesweit geschlossener Nachkriegsbrücken ein. Wie das Ingenieurbüro LAP dokumentiert, ist die sogenannte Spannungsrisskorrosion ursächlich für die Schäden. Bestimmte Spannstähle, in den 1960er- und 1970er-Jahren häufig verwendet, versagen Jahrzehnte nach dem Einbau, wenn Feuchtigkeit in die Hüllrohre eindringt. Denselben Mechanismus benannte die Untersuchungskommission 2024 als Hauptursache für den Einsturz der Dresdner Carolabrücke. Auch die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid war 2022 aus vergleichbaren Gründen aus dem Netz gefallen.
Oberbürgermeister Matthias Klopfer verweist auf einen mehrjährigen Prozess. „Unser Ziel ist es, dem Gemeinderat bereits im Oktober verschiedene Optionen und Kostenschätzungen vorzustellen“, so Klopfer laut Pressemitteilung. „Klar ist schon heute, die Einschränkungen werden die Esslingerinnen und Esslinger über viele Jahre begleiten, bis eine neue Brücke steht.“ Zur Debatte stehen ein Neubau an gleicher Stelle, eine parallele Ersatzbrücke oder andere Trassierungen. Der Teckbote berichtet, dass Anwohner und umliegende Kommunen mit deutlich mehr Ausweichverkehr, längeren Pendelzeiten und höheren Emissionen rechnen müssen.
Wikipedia-Kurve zeigt die Verunsicherung
Der Fall wirkt weit über Esslingen hinaus. In den Tagen nach der Sperrung schnellten in Deutschland die Zugriffe auf Wikipedia-Artikel zu Auslegerbrücken und Spannbetonschäden nach oben. Die Alterung tausender Spannbetonbrücken aus der Wirtschaftswunderzeit wird die deutsche Infrastruktur ein weiteres Jahrzehnt beschäftigen. Für Esslingen ist der Kraftakt an einem einzelnen Bauwerk gerade erst zu erkennen.