Houston. Wenige Stunden bevor Curaçao zum ersten WM-Spiel seiner Geschichte gegen Deutschland aufläuft, hat Trainer Dick Advocaat im NRG Stadium die Tonlage vorgegeben: viel Respekt vor dem deutschen Gegner, etwas Selbstvertrauen, ein Schuss niederländische Berechnung. „Wir möchten ihnen zeigen, was wir können und was wir wert sind“, sagte der 78-Jährige auf der Pressekonferenz vor dem Gruppen-E-Auftakt. Mit Anpfiff am Sonntagabend (19 Uhr MESZ, ARD und MagentaTV) wird Advocaat zum ältesten Trainer der WM-Geschichte.

Die Aufgabenverteilung im Spiel skizzierte der Niederländer ohne Umweg. „Deutschland wird die dominierende Mannschaft sein, und das ist normal“, sagte Advocaat. Sein Plan dahinter: „Ich denke, wir werden Punkte stehlen müssen - aber auf legitime Weise.“ Über Julian Nagelsmann fiel kein böses Wort, dafür eine klare Ansage. Wie die Sportschau aus der PK berichtet, nannte Advocaat den Bundestrainer „einen hervorragenden Trainer“ und schob hinterher: „Wir werden ihm das Leben schwermachen.“ Der Begriff Underdog wirkt für die Inselauswahl gleichzeitig wie Beleidigung und wie Schutzwall.

Der Teamgeist in dieser Mannschaft ist etwas, das ich noch nie zuvor gesehen habe.
- Dick Advocaat, Trainer Curaçao, vor dem WM-Auftakt

Curaçao, eine 158.000 Einwohner zählende Insel im Königreich der Niederlande, qualifizierte sich ohne Niederlage in der CONCACAF-Qualifikation. Vor dem Turnier beendeten die „Knights“ mit einem 4:0 gegen Aruba eine Serie ohne Sieg. Den Kader stellen überwiegend in den Niederlanden geborene und ausgebildete Spieler, darunter PSV-Verteidiger Armando Obispo, laut der Heidelberg24-Aufstellung mit einem Marktwert von vier Millionen Euro der teuerste Mann des Aufgebots, sowie Sheffield-Uniteds Tahith Chong.

Advocaat, in seinen vier Jahrzehnten als Coach lange als „Kleiner General“ gefürchtet, wirkt vor dem Karrierehöhepunkt ungewohnt gelöst. Auf die Frage nach der Stimmung im Lager sagte er der Pressestelle des CONCACAF-Teams: „Der Teamgeist in dieser Mannschaft ist etwas, das ich noch nie zuvor gesehen habe.“ Mit Curaçao führt er nach den Niederlanden und Südkorea seine dritte Nation zu einer Weltmeisterschaft - das hat vor ihm keiner geschafft.

Brenet, Locadia und ein Schuss Bundesliga-DNA

An die Bundesliga-Adresse des Gegners knüpft Curaçao mit mehr als einem Lebenslauf an. Stürmer Jürgen Locadia, einst beim VfL Bochum und bei der TSG Hoffenheim unter Vertrag, gehört zum Aufgebot. Joshua Brenet sammelte in seinen Hoffenheim-Jahren ab 2017 Spielzeiten unter Nagelsmann, ehe es ihn über mehrere Stationen zum türkischen Klub Kayserispor verschlug. Mittelfeldspieler Leandro Bacuna, an Advocaats Seite an der PK, fasste die Mischung aus Respekt und Selbstvertrauen zusammen: Die Mannschaft glaube an ihre Chance, „so klein sie auch sein mag“.

Sportlich liegen die Realitäten weit auseinander. Eurosport.de listet für einen DFB-Sieg eine Quote von 1,15, der Außenseiter-Tipp auf Curaçao kostet das Vielfache. Advocaat scheint genau auf diese Ausgangslage zu setzen: „Wir wollen in die nächste Runde. Eine Überraschung ist immer möglich - und eine Überraschung könnte reichen, um weiterzukommen“, sagte er nach Angaben von Yahoo Sports. Sechzehn Stunden vor Anpfiff in Houston klingt das nach Statement und Strategie zugleich.