Houston. Nach dem 1:7 gegen Deutschland trat Dick Advocaat nicht zerknirscht ans Mikrofon. Curaçaos Trainer sprach im NRG Stadium am Sonntagabend (Ortszeit) von Stolz, vom historischen Moment seines Verbandes - und davon, dass an seinem Plan für die WM 2026 nichts ändere. „Das ist keine Schande“, sagte der 78-Jährige in der Reuters und AP übereinstimmend zitierten Pressekonferenz. „Wir können trotzdem stolz sein.“ Curaçao hatte gegen den viermaligen Weltmeister bis zur 36. Minute auf 1:1 gestanden, ehe Deutschland in der zweiten Halbzeit auf das 7:1 davonzog.
Mehr noch als das Endergebnis prägte ein Treffer den Auftritt der kleinsten WM-Nation der Geschichte. In der 21. Minute drosch Livano Comenencia, Verteidiger beim FC Zürich, den Ball aus dem Rückraum zum 1:1 in Manuel Neuers Tor. Es war der erste WM-Treffer in der Geschichte des Karibikstaats mit 158.000 Einwohnern. „Ein Moment für die Insel. Ein Moment für die Menschen. Ein Moment für alle, die geglaubt haben“, schrieb Comenencia anschließend auf Instagram. Auf der Insel feierten Fans bei Public Viewings, in den Niederlanden gratulierte sein Ex-Klub PSV Eindhoven dem Nachwuchsabsolventen.
Bereits vor dem Anpfiff hatte Advocaat Tränen gezeigt. Während der Curaçao-Hymne griff der Trainer zum Taschentuch und musste laut sportschau.de aus der Coaching Zone zurücktreten. „Das hat mit der Freude der Menschen auf Curaçao zu tun. In meinem Alter kommen die Emotionen schneller an die Oberfläche“, erklärte er anschließend gegenüber AP. Mit 78 Jahren ist Advocaat zugleich der älteste Trainer in der WM-Geschichte. Den bisherigen Rekord hielt Otto Rehhagel, der 2010 in Südafrika beim letzten Gruppenspiel Griechenlands gegen Argentinien 72 Jahre und 317 Tage alt war.
Das ist keine Schande. Wir können trotzdem stolz sein.
Hoffen auf die zweite Hälfte der Gruppenphase
Spielerisch bleibt für Curaçao in Gruppe E wenig Spielraum. Am 20. Juni geht es in Toronto gegen Afrikameister Elfenbeinküste, am 25. Juni in East Rutherford gegen Ecuador. Advocaat blieb trotz der Höhe der Niederlage offensiv im Ton. Im zweiten und dritten Spiel sei eine Überraschung möglich, sagte er laut Tribune India auf der Pressekonferenz. Curaçao habe die Aufgabe, das Turnier zu einem schönen zu machen. Sportlich räumte er ein: „Wir hatten erwartet, gegen Deutschland mehr zu zeigen, doch das ging nicht. Sie waren sehr, sehr stark, und wir haben einige einfache Tore kassiert.“
Der Niederländer hatte das Amt im Februar abgegeben, um sich um seine erkrankte Tochter zu kümmern. Einen Monat vor Turnierbeginn übernahm er nach dem Rückzug seines Nachfolgers Fred Rutten erneut. Es ist seine dritte WM als Nationaltrainer; 1994 betreute er die Niederlande, 2006 Südkorea. Die Qualifikation Curaçaos hatte er noch selbst eingefädelt: Ungeschlagen ging es durch die CONCACAF-Endrunde - ein Lauf, der den Inselverband im Königreich der Niederlande zur kleinsten WM-Teilnehmernation der Geschichte machte.
Für Deutschland steht nach 90 Minuten ein Schaufenster-Ergebnis und die volle Punkteausbeute. Für Curaçao bleibt nach einer Niederlage, die Englands Daily Mail als „brutale Lektion“ einordnete, der Trostpreis, von dem Advocaat ungefähr alles spricht, was über die Tabelle hinausgeht: die Hymne, die Fans im Houstoner Rund, das Tor von Comenencia. Aufgeben klingt anders. „Wir haben noch Spiele vor uns“, sagte er Reuters, „und es kann immer noch anders ausgehen.“