AfD-Bundessprecher Alice Weidel und Tino Chrupalla haben sich am Mittwoch von dem rechten Streamer Matthäus Westfal distanziert, der auf der AfD-Wahlparty am Sonntagabend in Magdeburg die Spiegel-Redakteurin Ann-Katrin Müller vor laufender Kamera bedrängt hatte. Der als „Aktivist Mann“ bekannte YouTuber sei bei künftigen Parteiveranstaltungen nicht mehr willkommen, teilten die beiden Vorsitzenden in einer gemeinsamen Erklärung mit. Der Fall soll auf der nächsten Sitzung des Bundesvorstands beraten werden.
Bei der Wahlparty im Magdeburger Herrenkrug hatte Westfal die Journalistin nach Berichten von Handelsblatt und Junger Freiheit mehrfach gefragt, ob sie „deutsch“ sei und sich als Deutsche identifiziere. Er habe ihr ein Mikrofon entgegengehalten und sie aufgefordert, „etwas für die Deutschen zu tun, die hier seit Jahrtausenden leben“. Müller antwortete nicht; mehrere Kolleginnen und Kollegen mussten laut den Berichten schützend eingreifen. Zwischen den Tischen habe der Streamer ausgerufen, das Land sei „zurückgeholt“ worden.
Westfal war für die Berichterstattung akkreditiert und wurde vor der Wahl vom AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund öffentlich gelobt. Zugleich verweigerte die AfD nach Angaben der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di renommierten ausländischen Medien den Zugang zur Wahlparty, darunter Le Monde, Libération, Le Figaro und dem tschechischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Ein zivilisierter Umgang miteinander versteht sich in einer kultivierten Gesellschaft eigentlich von selbst.
In derselben Erklärung heißt es, die Videos hätten „auch innerhalb der AfD für große Irritationen gesorgt“. Beleidigungen und verbales Bedrängen von Medienschaffenden würden sich verbieten, so Weidel und Chrupalla. Konkrete Konsequenzen für Westfal, etwa einen Akkreditierungsentzug, kündigten sie zunächst nicht an.
46 dokumentierte Übergriffe seit Mai
Die dju in ver.di zählt für den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt 46 Vorfälle mit 70 Betroffenen, dokumentiert seit Mai 2026. Erfasst sind körperliche Angriffe, Einschüchterungen und die Behinderung journalistischer Arbeit. In einem Fall soll ein städtischer Mitarbeiter freie Reporter, die das Abhängen von Wahlplakaten filmten, am Arm gepackt und versucht haben, ein Telefon zu entwenden. Reporter ohne Grenzen hatte für die gesamte Region im Jahr 2025 nur fünf Vorfälle registriert.
„Wer Medienschaffende so bedrängt, diffamiert, belagert und körperlich angreift, verlässt den Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung“, sagte Lucas Munzke, stellvertretender ver.di-Fachbereichsleiter für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Gewerkschaft forderte Ermittlungsbehörden und Landesregierungen auf, die Angriffe konsequent zu verfolgen.
Ann-Katrin Müller berichtet seit 2013 aus dem Politikressort des Spiegel und beobachtet dort schwerpunktmäßig die AfD. Der Vorfall in Magdeburg reiht sich ein in eine Serie von Angriffen am Rand von AfD-Veranstaltungen; auch beim Bundesparteitag in Erfurt Anfang Juli waren Journalisten tätlich angegangen worden. Wann und in welcher Form der AfD-Bundesvorstand über den Fall Westfal entscheidet, teilten Weidel und Chrupalla nicht mit.