In der 85. Minute verlor der ruhigste Verteidiger im ÖFB-Team die Fassung. Nachdem David Alaba beim Stand von 0:2 gegen Spanien einen Kopfball von Pedro Porro noch auf der Linie geklärt hatte, drehte er sich zu Florian Grillitsch um und schimpfte lautstark auf seinen Mannschaftskollegen ein. Vier Minuten später besorgte Mikel Oyarzabal das 3:0 - und beendete Österreichs WM 2026. Die Szene, die weekend.at als „ungewöhnlichen Ausbruch“ des sonst besonnenen Kapitäns beschrieb, ist das Sinnbild eines Turniers geworden, das Alaba anführte und das mit offenen Fragen zurückbleibt.

Das Sechzehntelfinale im SoFi Stadium in Inglewood hatten 70.492 Zuschauer verfolgt. Oyarzabal traf in der 36. und 89. Minute, Porro köpfte in der 66. dazwischen. Wie die Sportschau berichtete, blieb Torhüter Unai Simón dabei zum vierten Mal in Folge ohne Gegentor - eine turnierübergreifende Rekordserie eines spanischen Keepers bei einer WM. Ralf Rangnicks Plan, mit hohem Pressing zu bestehen, ging genau eine halbe Stunde lang auf. Danach kontrollierte der Europameister, und Alabas Grätsche auf der Linie in der 85. Minute war eine der letzten sinnvollen österreichischen Aktionen des Abends. Offenbar entlud sich in dieser Aktion sein Ärger über den vorangegangenen Ballverlust in der Zentrale.

Nach dem Spiel wirkte Alaba wieder gefasst. „Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht um meine Zukunft“, sagte er in der Mixed Zone gegenüber Sport1. Das Verarbeiten der Niederlage werde „sicherlich ein paar Tage dauern“. Der 34-Jährige blieb länger am Spielfeldrand als üblich, tauschte Trikots mit spanischen Spielern. In der Kabine hielt Marko Arnautović anschließend eine emotionale Ansprache und verkündete das Ende seiner Länderspielkarriere - 137 Einsätze, 49 Tore. Heute.at beschrieb den Angreifer als mit den Tränen ringend.

Ich habe mir überhaupt keine Gedanken gemacht um meine Zukunft. Das wird sicherlich ein paar Tage dauern.
- David Alaba, Sport1

Vertrag ausgelaufen, Serie-A-Spur nach Mailand

Alabas Vertrag bei Real Madrid ist Ende Juni ausgelaufen, eine Verlängerung hatten die Königlichen bereits im Mai ausgeschlossen. In Madrid verabschiedete sich der Österreicher mit den Worten, der Verein werde „immer sein Zuhause“ sein, wie Sport1 zitierte. Fünf Jahre bei Real hatten zwei Kreuzbandrisse und einen Meniskusriss gebracht - laut Transfermarkt fehlte Alaba in dieser Zeit in mehr als 130 Pflichtspielen. Als konkretes nächstes Ziel wird die Serie A gehandelt. Die Gazzetta dello Sport berichtet über Interesse des AC Mailand, wo Ralf Rangnick vor der WM als Sportchef gehandelt worden war, bevor er sich für die Verlängerung im ÖFB-Amt entschied. Als weitere Optionen nennt Transfermarkt Red Bull Salzburg, wo Alaba seine Profikarriere im Nachwuchs begonnen hatte, sowie Klubs aus Saudi-Arabien.

Rangnicks Umbruch-Frage bleibt offen

Rangnick, dessen ÖFB-Vertrag bis zur EM 2028 läuft, will zunächst analysieren. „Ob wir überhaupt einen Umbruch brauchen, weiß ich nicht“, sagte er auf der Pressekonferenz, wie Heute.at wiedergab. „Das Ziel muss lauten, dass Österreich regelmäßig an Europa- und Weltmeisterschaften teilnimmt.“ Der Kader ist alt: Marcel Sabitzer, Michael Gregoritsch, Grillitsch, Phillipp Mwene und Alexander Schlager stehen alle jenseits der 30, Alaba selbst ist im Juni 34 geworden. Ob der Kapitän - anders als Arnautović - dem Team über die EM 2028 hinaus erhalten bleibt, ließ er offen. Sport1 verwies darauf, dass die Partie im SoFi Stadium möglicherweise Alabas letzter Auftritt im ÖFB-Trikot gewesen sein könnte.

Bleibt der Ausbruch der 85. Minute. Für ein Team, das sich in der Gruppe gegen Jordanien und Algerien behauptet hatte und den ersten K.o.-Auftritt bei einer WM seit Jahrzehnten holte, war die Szene kein Betriebsunfall, sondern ein Bild dafür, wie schmal der Grat zwischen Turniererfolg und Grenzerfahrung war. Alaba stand bei Arnautovićs Verabschiedung in der Kabine dabei und entschied sich später gegen ausführliche Interviews. Die nächsten Tage, sagte er, brauche er für sich.