Nach Silber und Bronze zum EM-Auftakt haben Owen Ansah und Merlin Hummel den deutschen Medaillenspiegel am Dienstagabend in Birmingham weiter aufgestockt. Der Hamburger Sprinter Ansah stürmte im 100-Meter-Finale in 10,19 Sekunden auf Rang drei - die erste deutsche EM-Medaille über die 100 Meter seit 40 Jahren, seit DDR-Sprinter Steffen Bringmann 1986 in Stuttgart Silber gewann. Hammerwerfer Hummel folgte in der Abendsession mit 81,30 Metern und Silber hinter dem Ungarn Bence Halász.
Ansah kam nach eigenen Angaben zunächst schlecht aus den Startblöcken - die Reaktionszeit lag bei 0,165 Sekunden, dem langsamsten Wert im Feld. In den letzten Metern zog der 25-Jährige noch am Niederländer Elvis Afrifa vorbei. Gold gewann der Brite Romell Glave in 10,09 Sekunden vor seinem Landsmann Jeremiah Azu (10,16). Titelverteidiger Marcell Jacobs schied verletzt aus, wie Eurosport berichtete: Der italienische Olympiasieger von 2021 musste kurz vor der Rennhälfte aufgeben.
Ich bin der Drittschnellste in ganz Europa, das ist irgendwie verrückt und muss ich erst realisieren.
Ansah und der Nada-Schatten
Über die Zukunft der Medaille entscheidet nun ein anderes Verfahren. Die Nationale Anti Doping Agentur hatte am 7. August eine vierjährige Sperre gegen Ansah beantragt und wirft dem deutschen Rekordhalter vor, am 9. Juli eine Dopingprobe verweigert zu haben, wie wir vor vier Tagen berichteten. Ansah bestreitet den Vorwurf. Weil die Nada keine vorläufige Suspendierung verhängt hat, konnte er in Birmingham antreten. Bestätigt sich die Sperre, wären auch seine Ergebnisse seit dem 9. Juli zu annullieren - Bronze über 100 Meter eingeschlossen. Ansah reagierte im ZDF-Interview kühl: „Ich bin im Hier und Jetzt und darauf konzentriere ich mich. Auf die Sachen, die in der Zukunft passieren, da kann ich keinen Einfluss drauf nehmen.“ Über die 200 Meter will der Hamburger, dessen Bestzeit bei 9,98 Sekunden liegt, in dieser Woche erneut angreifen.
Hummel dreht die Serie in Runde fünf
Der Kampf um Hammer-Silber war lange offen. Hummel hatte die Qualifikation am Montag nur als Zehnter überstanden, mit einem besten Versuch von 75,49 Metern. Auch im Finale begann der 24-Jährige unruhig - zwei Fehlwürfe, danach ungleichmäßige Serien. Erst im fünften Versuch fand der Athlet von Eintracht Frankfurt den Fokus: 81,30 Meter, ein Sprung vom fünften auf den zweiten Rang. Nur Halász lag mit 84,25 Metern klar voraus, Bronze holte der Ukrainer Mychaylo Kochan mit 79,49 Metern. Der zweite deutsche Starter Sören Klose wurde mit 78,13 Metern Sechster.
Wie eng die Sache gestanden hatte, räumte Hummel gegenüber der Sportschau offen ein: „Ich war in so einer Negativspirale und wollte eigentlich nur noch nach Hause.“ Gespräche mit dem Team, mit Trainern und mit seiner Psychologin hätten ihn zurückgeholt. „Deshalb bin ich sehr stolz, dass ich mich da wieder rausgekämpft und einen echten Wettkampf abgeliefert habe.“ Für Hummel ist es die Bestätigung seiner WM-Silbermedaille aus dem Vorjahr in Tokio. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband markiert Tag zwei in Birmingham die insgesamt vierte Medaille - dazu kamen die Erfolge von Bremm und Mabry am Montag.