Der Börsengang des KI-Unternehmens Anthropic verschiebt sich um mehrere Wochen. Wie Reuters am Freitag unter Berufung auf mit den Vorbereitungen vertraute Personen exklusiv berichtete, will der Claude-Entwickler seine Marketingtour für den Börsengang nun frühestens Mitte Oktober starten. Ursprünglich hatten Investmentbanker damit gerechnet, den Emissionsprospekt bereits in der Woche nach dem Labor Day am 7. September zu veröffentlichen. Nach der neuen Planung soll das Dokument erst Ende September öffentlich werden; die Notierung an der Nasdaq zielt nun auf die Tage unmittelbar vor den US-Zwischenwahlen Anfang November.

Wie wir Anfang Juni berichteten, hatte Anthropic den vertraulichen Form-S-1-Antrag bei der US-Börsenaufsicht SEC am 1. Juni eingereicht. Seither hat sich der Umfang des geplanten Emissionsvolumens deutlich ausgeweitet: Nach Informationen der Nachrichtenagentur peilen die Gesellschafter eine Unternehmensbewertung von bis zu zwei Billionen Dollar an, was den Aufschlag gegenüber der letzten privaten Bewertung von 965 Milliarden Dollar aus der Serie-H-Runde vom Mai verdoppeln würde. Zum Vergleich: SpaceX war bei seinem Debüt Ende Juni auf 86 Milliarden Dollar Emissionsvolumen gekommen - Anthropic könnte diese Marke laut US-Analysten spürbar überschreiten.

15 Milliarden Dollar Kreditlinie als Bedingung

Als Hauptgrund für die Verzögerung nennt Reuters die noch nicht abgeschlossene Verhandlung einer revolvierenden Kreditlinie über 15 Milliarden Dollar, die vor Beginn der Analystentreffen unter Dach und Fach sein soll. Die Linie soll dem Unternehmen finanziellen Spielraum verschaffen, falls die Aktien am Emissionstag unter dem angepeilten Preis eröffnen. Federführend am Konsortium sind Morgan Stanley, Goldman Sachs, JPMorgan sowie Citi. Anthropic selbst wollte sich gegenüber Reuters nicht äußern.

Anthropic's IPO marketing launch has shifted toward mid-October at the earliest.
- Reuters, 5. September 2026

Die Fundamentaldaten liefern das Argument für die aggressive Preisvorstellung. Nach Schätzungen von Wall-Street-Analysten hat Anthropic im zweiten Quartal 2026 zum ersten Mal einen operativen Gewinn geschrieben, gut 559 Millionen Dollar bei einem Quartalsumsatz von 10,9 Milliarden - nach 4,8 Milliarden im ersten Quartal. Getragen wird der Sprung nach übereinstimmenden Berichten von US-Wirtschaftsdiensten von Unternehmenskunden, die Claude in Programmiertools und Kundendienst-Systeme einbinden. Amazon bleibt größter Kapitalgeber und Cloud-Partner.

Politisches Risiko im Wahlkampf

Politisch ist das Timing brisant. Ein US-Bundesgericht hatte Ende August entschieden, dass die von Präsident Donald Trump verhängte Einstufung Anthropics als Sicherheitsrisiko für Bundesbehörden unrechtmäßig sei. Die Anordnung war die Reaktion darauf gewesen, dass Anthropic dem US-Verteidigungsministerium den unbeschränkten Zugriff auf seine Modelle für autonome Waffen- und Überwachungssysteme verweigert hatte. Für deutsche Unternehmenskunden, die Claude über Amazon Web Services, Google Cloud oder Microsoft Azure einbinden, hätte ein Börsengang einen konkreten Effekt: Anthropic wäre nach US-Recht erstmals verpflichtet, Quartalszahlen, Kundenkonzentration und Vertragsrisiken offenzulegen - Informationen, die bislang nur ausgewählten Investoren zugänglich sind.

Reuters weist darauf hin, dass sich der Zeitplan noch ändern kann; Unternehmen justieren ihre Börsenpläne häufig kurzfristig, wenn Marktbedingungen oder regulatorische Prüfungen es erfordern. Sollte der Zeitplan halten, würde Anthropic im November mit einer Bewertung an den Markt gehen, die die derzeit vorbereiteten Emissionen von SpaceX und dem OpenAI-Rivalen weit hinter sich lassen könnte.