Die US-Regierung hat dem KI-Konzern Anthropic per Exportkontrollanweisung den Vertrieb seiner beiden stärksten Sprachmodelle untersagt. Wie das Unternehmen am Freitagabend mitteilte, ging die Anordnung am 12. Juni um 17:21 Uhr Ortszeit in San Francisco ein. Anthropic schaltete daraufhin Claude Fable 5 und Claude Mythos 5 für sämtliche Kundinnen und Kunden weltweit ab, weil sich Nicht-US-Bürger im laufenden Betrieb nicht herausfiltern lassen.

Verfasst hat das Schreiben US-Handelsminister Howard Lutnick. Es richtet sich an Anthropic-CEO Dario Amodei und beruft sich auf Befugnisse aus dem nationalen Sicherheitsrecht. Untersagt wird laut Anthropic „jeglicher Export, Re-Export oder inländische Transfer dieser Modelle an Personen, die keine US-Staatsbürger sind“, inklusive ausländischer Mitarbeiter im Unternehmen selbst. Wie die Bloomberg-Redaktion berichtet, ist es das erste Mal, dass Washington Exportkontrollen nicht auf Chips, sondern auf ein bereits ausgeliefertes kommerzielles KI-Modell anwendet.

In seiner Stellungnahme schreibt Anthropic, man komme der Anweisung nach, halte sie aber für überzogen. „Wir sind der Auffassung, dass die Entdeckung eines eng begrenzten, potenziellen Jailbreaks kein Grund sein sollte, ein kommerziell ausgespieltes Modell zurückzurufen“, heißt es in dem Papier. Das Heise-Magazin zitiert das Unternehmen mit der Einschätzung, vergleichbare Sicherheitslücken ließen sich „mit anderen öffentlich verfügbaren Modellen wie GPT-5.5 genauso nachstellen“.

Wir entschuldigen uns bei unseren Kundinnen und Kunden für diese Störung. Wir gehen von einem Missverständnis aus und arbeiten daran, den Zugang so schnell wie möglich wiederherzustellen.
- Anthropic, Statement vom 13. Juni 2026

Konkret nennt das Handelsministerium laut Fortune eine vermutete „Jailbreak“-Methode, mit der sich Mythos 5 dazu bringen lasse, Code für offensive Cybersicherheits-Operationen zu schreiben. Anthropic widerspricht: Die zugrundeliegende Schwachstelle sei „mündlich übermittelt“ worden, sei keine universelle Umgehung und betreffe nur einen einzelnen, eng definierten Anwendungsfall. Vor der Anordnung waren Mythos 5 und das frisch ausgelieferte Fable 5 ohnehin nur über das interne Programm „Project Glasswing“ einer kleinen Gruppe US-Firmen wie Microsoft, Google und Nvidia für Schwachstellenforschung zugänglich.

Folgen für deutsche Nutzer

Wer in Deutschland Claude über das Web-Frontend oder per API genutzt hat, bekommt seit Freitagabend nur noch die übrigen Modelle der Reihe angezeigt. Die Fachredaktion Stadt Bremerhaven beschreibt, dass laufende Sitzungen automatisch auf das ältere Opus 4.8 oder die Standard-Modelle zurückfallen; in der Modellauswahl seien Mythos 5 und Fable 5 schlicht verschwunden. API-Integrationen, die fest auf eines der beiden Modelle verweisen, geben Fehlermeldungen aus und müssen umgestellt werden.

Bundespolitisch trifft die Abschaltung in eine angespannte Lage. Erst am Donnerstag hatte der Bundestag das KI-Marktaufsichtsgesetz beschlossen, das der Bundesnetzagentur die Rolle als zentrale Behörde für den europäischen AI Act zuweist. Der EU-Ansatz setzt auf risikobasierte Aufsicht, nicht auf modellbasierte Komplettverbote - eine Differenz, die in Brüssel und Berlin seit dem März bekannten Pentagon-Vermerk schwelt, der Anthropic als „Supply Chain Risk“ einstuft.

Klage in Kalifornien und Washington

Anthropic kündigte an, gegen die Anweisung vorzugehen, und reichte nach Angaben der Cryptobriefing-Redaktion am Freitagabend zwei Klagen ein: vor einem Bundesgericht in Kalifornien sowie vor dem Bundesberufungsgericht in Washington. Das Unternehmen verweist darauf, dass Fable 5 die in der Branche strengsten Sicherheitsfilter habe und kein Tester bisher eine universelle Umgehung habe nachweisen können. Ob Lutnicks Anweisung Bestand hat oder wieder kassiert wird, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden. Bis dahin bleibt Claude für deutsche Nutzer ein Modell ohne Spitze.