Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic hat am Montag in einem Blogbeitrag bestätigt, dass es einen vertraulichen Börsengang-Antrag bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat. Das Form S-1 ist der formale Auftakt eines Initial Public Offering nach US-Recht; Anthropic veröffentlichte weder das Emissionsvolumen noch eine angepeilte Preisspanne. Der Schritt setzt Anthropic im Wettlauf an die Wall Street vor den ChatGPT-Macher OpenAI, der nach übereinstimmenden Berichten ebenfalls an einem Antrag arbeitet, ihn aber noch nicht eingereicht hat.
Die Ankündigung folgt nur eine Woche nach Abschluss einer Serie-H-Finanzierungsrunde, die Anthropic 65 Milliarden Dollar einbrachte und die Bewertung auf rund 965 Milliarden Dollar hob - knapp über dem zuletzt für OpenAI kommunizierten Wert von 852 Milliarden. Die Runde wurde von Altimeter Capital, Dragoneer und Sequoia angeführt; rund 15 Milliarden Dollar steuerten Hyperscaler bei, darunter fünf Milliarden von Amazon, das ohnehin größter Cloud-Partner von Anthropic ist. Reuters berichtet, der eigentliche Börsengang werde für die Zeit zwischen Oktober und Mitte November anvisiert, mit einer Primäremission von 25 bis 35 Milliarden Dollar und einer voll verwässerten Bewertung zwischen 1,1 und 1,25 Billionen Dollar.
Umsatz hat sich in zwölf Monaten verfünffacht
Wirtschaftlich liefert Anthropic die Zahlen, mit denen das Bewertungsniveau begründet werden soll. Im Mai hatte das Unternehmen einen annualisierten Umsatz - also den auf zwölf Monate hochgerechneten Lauf der laufenden Geschäfte - von 47 Milliarden Dollar ausgewiesen. Ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch bei zehn Milliarden. Getragen wird das Wachstum laut Branchenbeobachtern wie dem Wirtschaftsdienst Bloomberg vor allem von Unternehmenskunden, die das Sprachmodell Claude in eigene Software, Programmiertools und Kundendienst-Systeme integrieren. Im Verbraucherbereich liegt Anthropic dagegen weiter deutlich hinter OpenAI.
Anthropic edges ahead of rival OpenAI in a closely watched race to reach public markets.
Für die Börsen ist die Entwicklung doppelt relevant. Zum einen reiht sich Anthropic in eine Pipeline ein, die nach Einschätzung von US-Analysten den größten IPO-Zyklus seit Jahren auslösen könnte: Auch SpaceX hatte Ende Mai vertrauliche Finanzinformationen für einen Börsengang hinterlegt, OpenAI dürfte spätestens im Herbst folgen. Zum anderen verschärft sich die Diskussion um eine KI-Bewertungsblase - in den vergangenen zwölf Monaten haben Anthropic und OpenAI gemeinsam mehr private Kapitalzusagen eingesammelt als die gesamte Tech-Branche im Jahr 2024. Die Frage, ob die operativen Margen das jemals tragen, dürften die SEC-Unterlagen erstmals belastbar beantworten - allerdings erst dann, wenn Anthropic den Antrag öffentlich macht.
Für deutsche Anwender ist der Schritt indirekt von Bedeutung. Claude ist über Cloud-Partner wie Amazon Web Services, Google Cloud und Microsoft Azure auch hierzulande in zahlreichen Unternehmenslösungen verbaut, Anthropic selbst bietet Privat-Abonnements unter anthropic.com an. Ein Börsengang würde das Unternehmen erstmals zu detaillierten Quartalsberichten und Offenlegungen zu Sicherheitsforschung, Kunden-Verträgen und Energieverbrauch zwingen - ein Hebel, den Datenschützer und KI-Aufsichtsbehörden in Brüssel ebenso aufmerksam beobachten dürften wie die Konkurrenz im Silicon Valley.