Die deutsche Industrie hat im Mai überraschend deutlich mehr Aufträge eingesammelt. Der reale Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe stieg gegenüber April um 1,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte. Von Bloomberg befragte Ökonomen hatten mit einem Plus von 1,1 Prozent gerechnet. Im Vorjahresvergleich lagen die Auftragseingänge kalenderbereinigt um 6,2 Prozent höher als im Mai 2025.

Zieht man die Großaufträge ab, blieb ein Zuwachs von 1,0 Prozent - solide, aber weit von der Schlagzeile entfernt. Der Grund für die Diskrepanz steht im Sonstigen Fahrzeugbau, der Sparte, die Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge umfasst: Dort schossen die Aufträge um 85,0 Prozent nach oben. Ohne diesen Sondereffekt bliebe von den Zahlen deutlich weniger übrig. Auch der Maschinenbau (plus 3,7 Prozent) und die Hersteller elektrischer Ausrüstungen (plus 5,7 Prozent) legten zu. Die Autoindustrie musste dagegen einen Rückgang von 3,8 Prozent hinnehmen, die Datenverarbeitung und Elektronik gab 7,8 Prozent nach.

Eurozone-Nachfrage zieht kräftig an

Getragen wurde der Zuwachs vor allem vom Ausland. Die Aufträge aus der Eurozone stiegen um 11,2 Prozent, während die Nachfrage aus dem Nicht-Euro-Raum um 3,2 Prozent zurückging. Aus dem Inland kamen 1,3 Prozent mehr Aufträge. Auch die Umsätze im Verarbeitenden Gewerbe zogen im Mai um 1,8 Prozent zum Vormonat an, gegenüber dem Vorjahr um 4,2 Prozent.

Die Zahlen machen Hoffnung auf eine moderate Erholung der deutschen Industrie nach der langen Stagnationsphase, die jüngst durch den Iran-Konflikt belastet wurde.
- Marco Wagner, Commerzbank

Commerzbank-Ökonom Marco Wagner verwies gegenüber t-online auf fallende Öl- und Gaspreise als stützenden Faktor, dämpfte aber die Erwartungen: „Angesichts der Erosion der Standortqualität Deutschlands erscheint eine kräftige Erholung dennoch unwahrscheinlich.“ Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP-Bank, bleibt skeptisch. Der Iran-Konflikt drücke die positiven Effekte aus staatlichen Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben, die schrumpfende Autoproduktion belaste viele Zulieferer, und der Maschinenbau leide besonders.

Im weniger volatilen Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von März bis Mai 0,2 Prozent unter den drei Monaten zuvor - ohne Großaufträge legte er allerdings um 4,1 Prozent zu. Für den April korrigierte das Bundesamt seinen vorläufigen Rückgang von minus 3,8 auf minus 3,2 Prozent nach oben. Der Blick der Ökonomen richtet sich nun auf die kommenden Monate: Ob sich der Trend ohne den Rückenwind aus einzelnen Großaufträgen fortsetzt, entscheidet, ob aus dem Mai-Ausreißer eine echte Trendwende wird.