Australien hat am Montag um 14 Uhr Ortszeit den bisher größten Test seines neuen Warnsystems durchgeführt. Auf zig Millionen Mobiltelefonen im ganzen Land aktivierte sich für rund zehn Sekunden ein Sirenenton, dazu erschien eine Vollbildmeldung, die den Empfang als Testalarm auswies. Der Alarm ließ sich weder durch den Lautlos-Modus noch durch die „Nicht stören“-Einstellung unterdrücken. Es war der erste bundesweite Realtest von AusAlert, dem Nachfolger des seit 2009 genutzten SMS-basierten Warnsystems Emergency Alert.
AusAlert setzt auf Cell Broadcast, dieselbe Technologie, die in Deutschland seit dem bundesweiten Warntag 2023 zum Einsatz kommt. Anders als bei einer SMS werden die Meldungen nicht einzeln zugestellt, sondern von den Sendemasten an alle empfangsbereiten Geräte in einer Funkzelle geschickt. Weder eine Telefonnummer noch eine App ist nötig, das Netz überlastet auch bei Millionen Empfängern nicht. „Cell Broadcast wird nicht wie SMS von der Netzlast ausgebremst und erreicht jeden, der eine Gefahrenzone durchquert“, heißt es dazu auf der Kampagnenseite der National Emergency Management Agency (NEMA).
Der Umbau ist eine direkte Folge der Buschbrandsaison 2019/20, in der 33 Menschen starben und rund 24 Millionen Hektar Land verbrannten. Die anschließende Royal Commission into National Natural Disaster Arrangements hielt fest, dass das alte SMS-System versagte, wenn Geräte ausgeschaltet, in Nutzung oder außerhalb des Netzes waren. Emergency-Management-Ministerin Kristy McBain nannte AusAlert bei der Ankündigung des Tests einen zentralen Baustein der Reformen: Das Vorhaben werde „Menschenleben retten und Eigentum während einer Katastrophe schützen“ und setze eine Kernempfehlung der Kommission um.
Die Regierung führt diese Tests durch, um sicherzustellen, dass die Technologie funktioniert wie erwartet - und um das öffentliche Bewusstsein aufzubauen, bevor AusAlert im Ernstfall gebraucht wird.
Nach jahrelangen Verzögerungen soll das System zum 1. Oktober regulär in Betrieb gehen - rechtzeitig vor der Buschbrandsaison 2026/27, die auf der Südhalbkugel im November beginnt. Der Vertrag mit den Betreibern läuft seit Februar 2025; die ursprünglich mit rund zehn Millionen australischen Dollar veranschlagten Kosten liegen laut Aufstellung des Wikipedia-Artikels zum System inzwischen bei rund 132 Millionen. Bis zum Go-live behalten die Bundesstaaten ihre alten Emergency-Alert-Kanäle über SMS und Festnetz.
Kritik an der Barrierefreiheit
Kritik kommt aus der Forschung. Anuradha Madugalla, Softwareentwicklerin an der Deakin University in Melbourne, verwies gegenüber The Conversation darauf, dass mehr als jeder fünfte Australier zu Hause eine andere Sprache als Englisch spricht - AusAlert werde die Warnungen zunächst jedoch nur auf Englisch verschicken. Menschen mit Behinderung hätten in Katastrophen ein bis zu vierfach höheres Sterberisiko, und die aktuelle Beispielmeldung „Leave now if you receive this message. Visit nema.gov.au for more information“ verlange mitten im Notfall drei Navigationsschritte. Das überfordere sehbehinderte oder ältere Nutzer.
Der australische Weg folgt einem Muster, das auch in Deutschland vertraut ist. Nach der Ahrtal-Flut 2021 hatte das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) Cell Broadcast im Februar 2023 aktiviert und nutzt die Technik seither am jährlichen Warntag im September neben der Warn-App Nina. Vergleichbare Systeme existieren nach BBK-Angaben in über 30 Ländern, darunter die USA (Wireless Emergency Alerts), Neuseeland (Emergency Mobile Alert) und die EU-Länder mit EU-Alert.