Auf dem Parkplatz einer Chevron-Tankstelle an der University Drive in Mesa im US-Bundesstaat Arizona haben am Montagabend rund hundert Menschen einer Ermordung gedacht, die vor genau 25 Jahren die Vereinigten Staaten aufschreckte. Balbir Singh Sodhi, ein indisch-amerikanischer Sikh und Betreiber der Tankstelle, war am 15. September 2001 erschossen worden, während er vor seinem Geschäft Blumen pflanzte. Es war die erste in einer Serie von Vergeltungstaten, die nach den Anschlägen des 11. September auf Menschen zielten, die für Muslime gehalten wurden.

Zur Mahnwache gekommen waren Familienangehörige, Vertreter der Sikh Coalition, das interreligiöse Bündnis Revolutionary Love Project sowie Rednerinnen und Redner aus jüdischen, muslimischen und christlichen Gemeinden. Die Aktivistin Valarie Kaur, die Sodhis Geschichte seit über zwei Jahrzehnten dokumentiert, wandte sich mehrfach an das Publikum: „Do you see him?“, fragte sie, während sie an Sodhis Herkunft aus einem Dorf im Punjab erinnerte. Kaur formulierte auch, was die Familie über die Jahre zu ihrem Umgang mit dem Täter gemacht habe: „Forgiveness is not forgetting. Forgiveness is freedom from hate.“

Der Täter war Frank Silva Roque, ein damals 42-jähriger Flugzeugmechaniker bei Boeing. Nach eigener Aussage wollte er einen „Muslim“ töten, um die Anschläge auf New York und Washington zu rächen. Sodhi, 52 Jahre alt, trug Bart und Dastar - die traditionelle Kopfbedeckung sikhischer Männer. Roque erschoss ihn mit fünf Schüssen aus einem fahrenden Wagen und feuerte an derselben Nachmittagsstunde noch auf zwei weitere Menschen, die er für nahöstlicher Herkunft hielt. Eine Jury in Arizona sprach ihn im September 2003 wegen Mordes ersten Grades schuldig. Das ursprüngliche Todesurteil wandelte der Arizona Supreme Court 2006 in lebenslange Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung um.

I think when justice is served, it gives you peace. That's what we look at.
- Rana Singh Sodhi, Bruder des Ermordeten, gegenüber ABC15

Sodhis Bruder Rana, der die Tankstelle heute betreibt, hat den Täter Jahre später im Bundesgefängnis angerufen. Roque entschuldigte sich am Telefon. Der Bruder sagte am Dienstag: „Ich glaube, wenn Gerechtigkeit geschieht, gibt sie einem Frieden. Das ist das, worauf wir schauen.“ Er verband das mit einem Appell für mehr Aufklärung: Hass sei „Teil der Bildung“, je besser Menschen einander verstünden, desto weniger Angriffe werde es geben. Aasees Kaur von der Sikh Coalition, die 2001 unmittelbar nach den Anschlägen gegründet wurde und im ersten Monat mehr als 300 Übergriffe auf Sikhs registrierte, sagte: „Wir versammeln uns heute Abend, um an ihn zu erinnern.“

Vom Fall Sodhi zur Debatte über Generalverdacht

Zum 25. Jahrestag der Anschläge selbst hatten in den USA am 11. September zentrale Zeremonien am Ground Zero, am Pentagon und im Feld bei Shanksville stattgefunden. Die Namen der 2977 Toten wurden verlesen, erstmals gab es einen siebten Schweigemoment für jene, die später an Folgeerkrankungen starben, wie das ZDF berichtete. Auch die Jüdische Allgemeine dokumentierte die Gedenkfeiern und die Rolle von Präsident Donald Trump am Pentagon. In diesem Rahmen bekamen die Nachbeben des 11. September wieder Aufmerksamkeit: nicht nur die rund 150.000 Menschen, die inzwischen im World Trade Center Health Program betreut werden, sondern auch jene Opfer, die als Reaktion auf den Terror ins Visier gerieten.

In Deutschland verlief die Debatte nach 2001 anders, aber vergleichbar in ihrer Wirkung: Muslime standen unter „Generalverdacht“, wie das Magazin Migazin in einer Rückschau zum Jahrestag beschrieb. Die Rasterfahndung, mit der Sicherheitsbehörden bundesweit Tausende meist muslimischer Männer überprüften, brachte laut Verfassungsgericht keine einzige Terrorzelle zutage; 2006 stoppte Karlsruhe das Verfahren. Der Fall Sodhi steht in den USA für einen ähnlich strukturellen Reflex: die pauschale Verwechslung von Aussehen und Bedrohung. Die Sikh Coalition weist seit Jahren darauf hin, dass die überwältigende Mehrheit turbantragender Menschen in den USA Sikhs sind, während eine 2013 an der Stanford Peace Innovation Lab durchgeführte Studie zeigte, dass 49 Prozent der US-Amerikaner den Sikhismus für eine Strömung des Islam hielten.

Sodhis Turban aus dem Jahr 2001 liegt heute im National Museum of American History in Washington. In Mesa spielten am Montagabend Musiker Ari Afsar und Sonny Singh, Karah Parshad wurde verteilt, Kinder liefen zwischen den Zapfsäulen. Eine Enkelin Sodhis sagte gegenüber Cronkite News, warum die Familie das jedes Jahr wieder tue: „Herzukommen und die Geschichten zu hören, hält sein Andenken am Leben.“