Die FIFA hat die nach der Roten Karte gegen Folarin Balogun verhängte Ein-Spiel-Sperre am Sonntagabend auf Bewährung ausgesetzt. Der Angreifer der USA darf damit im Achtelfinale gegen Belgien am Dienstagmorgen um 2 Uhr MESZ in Seattle auflaufen. Nach übereinstimmenden Berichten von New York Times und AP ging der Entscheidung ein Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino voraus - am Achtelfinaltag steht der Weltverband deshalb weltweit in der Kritik.
„Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben. Sie werden auf der Grundlage von Regeln, Beweisen und durch unabhängige Gremien revidiert“, schrieb Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter auf X. „Wenn ein US-Präsident beim FIFA-Präsidenten interveniert und ein Spieler plötzlich vor einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft freigesprochen wird, stellt sich unweigerlich die Frage: Quo vadis, FIFA?“ Balogun war im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina in der 64. Minute nach VAR-Check vom Platz gestellt worden, nachdem er Tarik Muharemovic auf das Sprunggelenk gestiegen war.
Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf verlangte eine Erklärung des Weltverbands. „Die FIFA sollte sich jetzt rasch zu Berichten erklären, wonach der Entscheidung ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino vorausgegangen sein soll“, teilte Neuendorf mit. „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden. Es geht um die Integrität des Wettbewerbs.“
Auch der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp äußerte sich am Sonntagabend bei MagentaTV. „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben - das ist verrückt, das stellt alles infrage“, sagte Klopp. „Da gibt es immer noch die Möglichkeit, dass die USA ihn trotzdem nicht aufstellen, weil sie sagen: So wollen wir das nicht haben.“ Norwegens Nationaltrainer Ståle Solbakken, dessen Team am Sonntag Brasilien mit 2:1 aus dem Turnier geworfen hatte, war deutlicher. „Es ist eine schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung, die der WM schaden wird“, sagte er der Sportschau. „Wenn die USA gewinnen, wird es immer in der Schwebe hängen. Was ist mit der nächsten Roten Karte? Wird es künftig irgendwo ein Gremium geben, das solche Karten einfach wieder aufhebt?“
Rooney: „Infantino sollte sich dafür schämen“
Wayne Rooney sagte bei der BBC, es sei zwar möglicherweise korrekt, die Rote Karte zu streichen. „Aber die Strafe für ein Jahr auf Bewährung zu setzen - das ist eine Schande. Infantino sollte sich dafür schämen, denn die Fairness des Spiels ist infrage gestellt.“ Auch Englands Bundestrainer Thomas Tuchel, dessen Team am Samstag Mexiko im Aztekenstadion 3:2 bezwang, äußerte Zweifel: „Wer kippt diese Entscheidung dann - und wann? Und auf welcher Grundlage? Wie weit geht das jetzt?“ Bei Fox Sports nannte Thierry Henry den späten Zeitpunkt problematisch: „Die Entscheidung ist zwar richtig, aber warum kommt sie so spät? Für Belgien ändert das in der Vorbereitung alles.“
Trump hatte sich unmittelbar nach der FIFA-Mitteilung auf Truth Social bedankt: „Danke an die FIFA, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht rückgängig gemacht hat.“ Der offizielle Account des Weißen Hauses feierte auf X mit „USA-USA-USA“ und einem Adler-Symbol. Gemäß Artikel 27 des Disziplinarkatalogs kann die FIFA-Disziplinarkommission eine Sperre zur Bewährung aussetzen; die Aufhebung nach einer Roten Karte im laufenden Turnier ist bei dieser WM allerdings ein Novum, wie die Sportschau berichtet.
Der Chefkommentator des britischen Telegraph, Oliver Brown, ordnete den Vorgang in einer Analyse ein: „Als wäre es nicht schon außergewöhnlich genug, dass Gianni Infantino öfter im Oval Office zu Gast war als Sir Keir Starmer, kommt nun auch noch eine WM-Entscheidung hinzu, die so stark von politischen Untertönen geprägt ist, dass es einem den Atem raubt.“ Auch die Zeit sprach in einer Analyse von einem „Geschenk für den Präsidenten“.
Belgien prüft Optionen, Ibrahimovic freut sich
Belgiens Nationaltrainer Rudi Garcia hatte am Sonntag auf der Pressekonferenz gespottet: „Ich wusste nicht, dass in den FIFA-Büros der 5. Juli inzwischen der 1. April ist.“ Der belgische Verband sprach von einem Widerspruch zum Reglement und prüfe „alle Optionen“. Ausnahme unter den Reaktionen war Zlatan Ibrahimovic. „Ich freue mich für die USA“, sagte der Schwede bei Fox Sports. „Das US-Team war fantastisch, aber ‚Balo' war superfantastisch.“ US-Trainer Mauricio Pochettino sprach von einer „fantastischen Entscheidung, nicht nur für uns, sondern für den Fußball“.
Balogun hat in der Gruppenphase drei Tore erzielt und ist damit treffsicherster Angreifer der USA. Anstoß im Lumen Field in Seattle ist um 17 Uhr Ortszeit. Der Sieger der Partie trifft im Viertelfinale am kommenden Samstag in New Jersey auf den Gewinner von Uruguay - Kamerun.