Beim 1:1 zwischen Kanada und Bosnien-Herzegowina in Toronto am Freitagabend hielt die Kamera bei jeder Großchance kurz am Spielfeldrand. Dort stand ein 55-Jähriger, den Bundesliga-Fans aus den frühen 2000er Jahren kennen: Sergej Barbarez, seit April 2024 Cheftrainer Bosniens und damit erstmals in seiner Laufbahn auf einer Profibank. Bis zur 78. Minute stand der Auftaktsieg gegen den WM-Co-Gastgeber in Reichweite, ehe Joker Cyle Larin per abgefälschtem Schuss ausglich.
Barbarez' Spielerstationen lesen sich wie eine Linie durch die Bundesliga-Mitte der 2000er Jahre: Hansa Rostock, Borussia Dortmund, Hamburger SV, Bayer 04 Leverkusen. In Hamburg, wo er von 2000 bis 2006 spielte, wurde er 2000/01 mit 22 Treffern Torschützenkönig. Insgesamt kommt er auf 330 Bundesliga-Spiele und 95 Tore. Mit dem HSV gewann er 2003 den DFL-Ligapokal und 2005 den UI-Cup, 2008 beendete er seine Karriere.
Sechzehn Jahre nach dem Karriereende holte ihn der bosnische Verband im April 2024 zurück. Es war sein erster Job überhaupt auf einer Trainerbank. Gegenüber dem Kicker beschrieb er, was er vorfand: „In den letzten zehn Jahren wurde es nur noch schlimmer. Ich sage es offen: Ein normaler Mensch hätte den Job nicht angenommen.“ In einem späteren Interview, das Heidelberg24 zitiert, ergänzte er, viele hätten den Eindruck vermittelt, dass es für einige keine Ehre mehr war, für ihr Land zu spielen.
In den letzten zehn Jahren wurde es nur noch schlimmer. Ich sage es offen: Ein normaler Mensch hätte den Job nicht angenommen.
Was er aus dieser Mannschaft formte, zeigte sich in den WM-Playoffs im Frühjahr. Bosnien-Herzegowina schlug ausgerechnet Italien und löste damit das zweite WM-Ticket der Landesgeschichte - nach dem Turnierdebüt 2014 in Brasilien. Für die Squadra Azzurra ist es die dritte verpasste Weltmeisterschaft in Folge.
1:1 in Toronto, Dzeko auf der Bank
In Toronto bestätigte sich der Eindruck einer disziplinierten Truppe. Vor 43.000 Zuschauern im kleinsten WM-Stadion brachte Jovo Lukic die Bosnier nach einer Ecke in der 21. Minute per Kopf in Führung. Bis kurz vor Schluss hielt die Defensive, Sead Kolasinac klärte einen Kopfball Tani Oluwaseyis kurz vor der Linie. Dann traf Joker Larin in der 78. Minute aus der Drehung zum 1:1. Kapitän Edin Dzeko, mit 40 Jahren Rekordtorschütze des Verbands, saß wegen einer Schulterverletzung auf der Bank. Stattdessen brachte Barbarez in der 74. Minute den 18-jährigen Kerim Alajbegovic - jüngster WM-Debütant in der Geschichte Bosniens.
„Wenn man in Führung liegt und ein Tor zehn Minuten vor Schluss bekommt, bedauert man das natürlich“, sagte Barbarez auf der Pressekonferenz. „Aber wir müssen realistisch sein - das 1:1 ist verdient für beide Seiten. Für uns ist es ein guter Punkt für die Gruppenphase.“ Sein kanadisches Pendant Jesse Marsch zeigte sich nach der durchwachsenen ersten Halbzeit ebenfalls mit dem Remis zufrieden.
Am 18. Juni wartet im SoFi Stadium in Los Angeles die Schweiz, am 24. Juni in Boston Katar. Punktet Bosnien dort weiter, wäre die erste WM-Achtelfinalteilnahme der Landesgeschichte in Reichweite - und die zweite Karriere eines Bundesliga-Torjägers, der vor zwei Jahren noch nicht einmal Co-Trainer war, hätte ihren bislang größten Schub.