Die Bayreuther Festspiele haben am Samstagabend ihre 150. Ausgabe eröffnet - und zwar nicht mit einer Wagner-Oper, sondern mit Beethovens Neunter Sinfonie. Christian Thielemann dirigierte auf dem Grünen Hügel dieselbe Partitur, mit der Richard Wagner am 22. Mai 1872 die Grundsteinlegung des Festspielhauses begleitet hatte. Der historische Rückgriff war programmatisch gemeint: 150 Jahre nach dem ersten Festspielsommer 1876 will Intendantin Katharina Wagner ein Jubiläum ausrichten, das die eigene Geschichte nicht überhöht, sondern befragt.
Auf der Gästeliste standen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Altkanzlerin Angela Merkel, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU), der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sowie Baden-Württembergs Regierungschef Cem Özdemir (Grüne). Die Festrede hielt Nike Wagner, Urenkelin des Komponisten und langjährige Leiterin des Weimarer Kunstfests. Über soziale Medien und den Hashtag der Festspiele verbreitete sich in der Nacht der Slogan der Saison: „Wagner weiterdenken“.
„Rienzi“ zum ersten Mal auf dem Grünen Hügel
Am Sonntag folgt der eigentliche Bruch mit der Bayreuther Tradition: Wagners Frühwerk „Rienzi“ wird zum ersten Mal überhaupt im Festspielhaus aufgeführt. Der Komponist selbst hatte die 1842 in Dresden uraufgeführte Oper zeitlebens aus dem Bayreuther Repertoire ausgeschlossen und sie despektierlich einen „Schreihals“ genannt. Für die Aufnahme in den Spielplan musste der Stiftungsrat eine Sondergenehmigung erteilen. Regie führen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, am Pult steht Nathalie Stutzmann, in der Titelrolle debütiert der Tenor Andreas Schager, an seiner Seite Gabriela Scherer und Jennifer Holloway.
Die Wahl ist heikel, weil sich Adolf Hitler zeit seines Lebens auf „Rienzi“ berufen hatte. Die Regisseurinnen verteidigen die Inszenierung gerade damit: Sie verstehen den Abend als politisches Statement gegen einen erstarkenden Rechtspopulismus. In der Vorabberichterstattung des Tagesspiegel wurden sie mit den Worten zitiert, das Stück habe eine „unheimliche Aktualität“ bekommen.
Gerade jetzt, da rechtspopulistische und faschistische Tendenzen wieder stärker wahrnehmbar werden, hat dieses Stück eine unheimliche Aktualität bekommen.
Gedenken an vertriebene jüdische Musiker
Zum Jubiläumsprogramm gehört auch ein Gedenkakt für die von den Nationalsozialisten aus Bayreuth vertriebenen und ermordeten jüdischen Musikerinnen und Musiker. Redner ist der Publizist Michel Friedman. Der Termin war ursprünglich aus dem Programm gestrichen worden und erst nach öffentlicher Kritik wieder aufgenommen worden, wie das Fachmagazin concerti berichtete. Katharina Wagner, die die Festspiele seit 2015 leitet, verfolgt seit Jahren das Ziel, die familiäre Nähe Bayreuths zum Nationalsozialismus systematisch aufzuarbeiten - ein Konfliktpunkt, der die Institution bis heute begleitet.
Ab Montag folgt der neue Ring des Nibelungen unter Thielemann. Klaus Florian Vogt übernimmt dabei die Hauptpartie in allen vier Teilen der Tetralogie - ein Novum in der Geschichte des Hauses. Parallel läuft der von der Festspielleitung als Experiment angekündigte „KI-Ring“, in dem 150 Jahre Rezeptionsgeschichte maschinell verarbeitet werden. Das Fernsehen zeigt „Rienzi“ am 1. August um 20:15 Uhr auf 3sat, den Festakt vom Samstag sowie den gesamten Ring überträgt der Bayerische Rundfunk im Radio-Livestream.