Neun Tage vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl liegt die Linke im aktuellen Politbarometer Extra mit 23 Prozent knapp vor der CDU (21 Prozent). Die vom ZDF am Freitag veröffentlichte Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen zeigt: Die amtierende schwarz-rote Koalition unter dem noch regierenden Bürgermeister Kai Wegner hätte am 20. September keine Mehrheit mehr im Abgeordnetenhaus. Wegner tritt selbst nicht mehr an, CDU-Spitzenkandidat ist Finanzsenator Stefan Evers.
Die AfD kommt in der Umfrage auf 17 Prozent, die Grünen auf 16, die SPD stürzt auf 10 Prozent ab. Das BSW liegt mit drei Prozent unter der Fünf-Prozent-Hürde, die übrigen Parteien zusammen bei zehn Prozent. Die Forschungsgruppe Wahlen befragte zwischen dem 7. und 10. September rund 1.100 Wahlberechtigte in Berlin telefonisch und online; der statistische Fehlerbereich liegt bei zwei bis drei Prozentpunkten. Ein Teil der Interviews lief bereits, bevor am Mittwoch die Durchsuchungen bei SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach bekannt wurden - der Effekt der Ermittlungen auf die SPD-Werte ist damit noch nicht vollständig abgebildet.
Umgekehrt zum Parteibild verläuft die Direktwahlfrage: 25 Prozent der Berlinerinnen und Berliner wünschen sich Evers als Regierenden Bürgermeister, 23 Prozent die Linken-Kandidatin Elif Eralp, neun Prozent den Grünen-Spitzenkandidaten Werner Graf. 18 Prozent präferieren niemanden von den dreien, ein Viertel der Befragten ist noch unentschieden. Evers, seit 2023 Berliner Finanzsenator, hatte im Sommer die Kandidatur übernommen, nachdem Wegner unter dem Eindruck der Kritik an seinem Verhalten während des Brandanschlags auf das Berliner Stromnetz im Januar zurückgezogen hatte.
In manchen Umfragen liegen wir vorn. Aber Umfragen sind keine Wahlergebnisse.
Evers verwies im Gespräch mit t-online am Freitag zugleich auf den zentralen Angriffspunkt seiner Kampagne. „Ich bin überzeugt: Die Berlinerinnen und Berliner werden rechtzeitig merken, wie radikal die Linke inzwischen geworden ist“, sagte er. Zur Rolle von Bundeskanzler Friedrich Merz im Endspurt betonte er: „Wir verstecken Friedrich Merz nicht.“ Die CDU plant für die letzte Woche nach eigenen Angaben eine Abschlussveranstaltung mit dem Kanzler nach dem Vorbild des Wahlkampfs 2023.
Rechnerische Mehrheit nur mit rot-rot-grüner Kombination
Die Koalitionsarithmetik der Umfrage lässt Evers wenig Spielraum. Ein rot-rot-grünes Bündnis aus Linke, SPD und Grünen käme zusammen auf 49 Prozent - knapp vor Schwarz-Rot-Grün mit 47 Prozent. In der Koalitionspräferenz-Abfrage sprachen sich allerdings nur 37 Prozent der Befragten für ein Bündnis aus Linke, SPD und Grünen aus, 55 Prozent lehnten es ab. Ein Dreier-Bündnis aus CDU, SPD und Grünen bewerteten sogar nur 22 Prozent positiv, 64 Prozent negativ. Für die Linke bleibt Rot-Rot-Grün dennoch das einzige realistische Regierungsszenario ohne CDU-Beteiligung.
28 Prozent der Befragten geben an, sich in ihrer Wahlentscheidung noch nicht sicher zu sein - ein hoher Wert kurz vor dem Wahltag. Die Forschungsgruppe Wahlen weist darauf hin, dass bei einem engen Vier-Parteien-Rennen zwischen 16 und 23 Prozent bereits geringe Verschiebungen über die Reihenfolge entscheiden können. Für die SPD wäre der Wert von zehn Prozent eine historische Zäsur in einer Metropolhochburg, in der die Partei 2023 noch 18,4 Prozent geholt hatte.