Kurz nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr sehen die ersten Prognosen zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses Die Linke deutlich in Führung. Nach der Prognose von Infratest dimap für die ARD kommt die Partei von Spitzenkandidatin Elif Eralp auf 24,5 Prozent, die Forschungsgruppe Wahlen misst im Auftrag des ZDF sogar 26 Prozent. Die regierende CDU von Finanzsenator Stefan Evers stürzt auf 20 Prozent ab und liegt klar dahinter.
Auf den weiteren Plätzen liegen bei Infratest dimap die AfD mit 16 Prozent, die Grünen mit 15 und die SPD mit 12 Prozent. Das BSW erreicht knapp fünf Prozent und würde damit erstmals ins Berliner Landesparlament einziehen. Die Forschungsgruppe Wahlen sieht die Grünen mit 15,5 Prozent knapp vor der AfD mit 13,5 Prozent. Hochrechnungen wurden ab 18.15 Uhr erwartet, das vorläufige amtliche Ergebnis in der Nacht.
Die Zahlen bedeuten einen historischen Absturz für die CDU: Bei der Wiederholungswahl im Februar 2023 hatte die Partei noch 28,2 Prozent geholt und mit Kai Wegner den Regierenden Bürgermeister gestellt. Wegner hatte im Juli überraschend seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur erklärt und Finanzsenator Evers den Vortritt gelassen, nachdem die Union in Umfragen abgestürzt war. Am Wahltag sagte Wegner der Tagesschau, er hoffe, „dass viele Menschen wählen gehen und am Ende des Tages die Radikalen nicht gestärkt werden“.
Diese Stadt der Freiheit darf nicht in die Hände von Extremisten fallen.
Wer regiert die Hauptstadt?
Rechnerisch sind Zweierbündnisse ausgeschlossen. Denkbar sind zwei Dreierkoalitionen: eine Neuauflage von Rot-Rot-Grün, das Berlin von 2016 bis 2023 regierte, oder ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen. Alle Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD, die deutlich zweistellig zulegt, weiter aus. Eralp hatte im Wahlkampf die Enteignung großer Wohnungsunternehmen zur Koalitionsbedingung gemacht - eine Forderung, die vor allem die SPD ablehnt. CDU-Chef Friedrich Merz hatte Evers noch am Wahlabend als möglichen Nachfolger Wegners gerühmt: „Mit einem solchen Regierenden Bürgermeister können wir alle weiter stolz sein auf unsere Hauptstadt“.
Eralp kam vor zwölf Jahren aus Hamburg nach Berlin. Die Juristin arbeitete seit 2010 als Referentin für Rechtspolitik der Linksfraktion im Bundestag und zog 2021 ins Berliner Abgeordnetenhaus ein, wo sie seit 2024 stellvertretende Fraktionsvorsitzende ist. Ihre Eltern flohen als sozialistische Gewerkschafter in den 1980er-Jahren aus der Türkei. Sollte Eralp Regierende Bürgermeisterin werden, wäre sie die erste im Amt mit Migrationsgeschichte und die erste aus der Linken.
Wahlbeteiligung deutlich über 2023
Bereits um 16 Uhr hatten laut Landeswahlleitung 58,2 Prozent der rund 2,5 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben - 9,4 Prozentpunkte mehr als 2023 zur selben Uhrzeit. Erstmals waren auch 16- und 17-Jährige stimmberechtigt. Die höchste Beteiligung meldete Steglitz-Zehlendorf mit 61,4 Prozent, die niedrigste Spandau und Neukölln mit je 54,4 Prozent. In einem Wahllokal in Schöneberg hatten Unbekannte über Nacht das Schloss verklebt; das Lokal öffnete dennoch pünktlich. In Berlin-Westend fiel zeitweise der Strom aus, wie die Berliner Zeitung meldete.