Die kanadische BlackBerry Limited, einst Synonym für das Smartphone der Manager und Politiker und längst nur noch als Softwarehaus existent, jagt an der Börse von Rekord zu Rekord. Plus 137 Prozent seit Jahresbeginn, in der vergangenen Woche kurzzeitig ein neues 52-Wochen-Hoch von 9,99 Euro, danach ein Rücksetzer von knapp neun Prozent. Treiber ist nicht das Smartphone-Erbe, das ARTE am Mittwochabend mit der Wiederholung des Spielfilms „BlackBerry - Klick einer Generation“ in Erinnerung gerufen hat, sondern die Softwaretochter QNX - und ein Erzählwechsel des Managements: weg vom Sanierungsfall, hin zum Anbieter für „physische KI“.
Finanzvorstand Tim Foote hat den Schwenk am 3. Juni auf der Baird-Konferenz formuliert. BlackBerry sei vom verlustreichen Konglomerat zu „a profitable software company“ geworden, zitiert ihn die Plattform Wallstreet Online; acht aufeinanderfolgende Quartale habe der Konzern den GAAP-Nettogewinn verbessert und positive Cashflows produziert. Aus der jüngsten Geschäftsjahresbilanz, die BlackBerry der US-Börsenaufsicht SEC vorgelegt hat, lassen sich die Zahlen ableiten: 24,3 Millionen Dollar Quartalsgewinn, 432 Millionen Dollar liquide Mittel, ein Nettokassenbestand von 232 Millionen Dollar und ein Aktienrückkauf über 25 Millionen Dollar im Schlussquartal. Foote bezeichnet das Unternehmen seither offen als „Wachstumsgesellschaft“ mit klarer Ausrichtung auf das Internet der Dinge.
Den eigentlichen Hebel liefert die Sparte QNX, die für Echtzeit-Betriebssysteme in sicherheitskritischen Systemen steht. Die Software steckt nach Konzernangaben in rund 275 Millionen Fahrzeugen weltweit und steuert dort Spurhalte-Assistenten, Kollisionswarnungen und adaptive Tempomaten. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erlöste QNX 78,7 Millionen Dollar, ein Plus von 20 Prozent zum Vorjahr, wie Börse Express vorrechnet. Der Backlog künftiger Lizenzeinnahmen liegt bei rund 950 Millionen Dollar. QNX habe damit die „Rule of 40“ erreicht, jenen Gradmesser, der bei Software-Investoren als Schwelle für gesunde Skalierung gilt.
Vom Auto zum Roboter
Bislang stammen etwa vier von fünf QNX-Dollar aus der Automobilindustrie. Genau diese Konzentration will der Konzern aufbrechen. Im April hat BlackBerry eine Partnerschaft mit dem KI-Schwergewicht Nvidia angekündigt; QNX-Bausteine sollen künftig in Nvidias Robotik-Plattformen einfließen. Auf der Embedded World im März in Nürnberg führte die Sparte einen humanoiden Roboter vor, der zwei Greifarme synchron steuert und kamerageführt Gegenstände zwischen zwei Ablagen umsortiert. Genau die deterministischen Echtzeitanforderungen, die ein solcher Bewegungsablauf stellt, verkauft BlackBerry inzwischen als seinen Vorsprung im Markt für „physische KI“, also für Industrieroboter, Medizintechnik und autonome Maschinen.
Den Begriff hat Foote zur Klammer für die neue Story gemacht. Wallstreet Online verglich die Rally Anfang Juni mit den Meme-Stock-Spitzen von 2021; die Aktie habe in drei Monaten 160 Prozent zugelegt, getrieben auch von wieder anziehendem Privatanleger-Volumen. In Deutschland fokussiert sich die Berichterstattung auf den strategischen Bruch: Nach dem Verkauf der Cybersecurity-Sparte Cylance im vergangenen Jahr ist BlackBerry praktisch nur noch QNX plus eine IoT-Cybersicherheits-Resterampe - und die Anleger handeln das Unternehmen entsprechend als reines Plattform-Investment.
Der nächste Praxistest steht am 25. Juni an. Dann legt BlackBerry die Zahlen zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor, zeitgleich findet erstmals eine rein virtuelle Hauptversammlung statt. Analysten erwarten einen Gewinn von 0,03 Dollar je Aktie, ein Plus von 50 Prozent zum Vorjahresquartal. Ob die Rally das aushält oder ob sich der jüngste Rücksetzer fortschreibt, hängt am Wachstumstempo der QNX-Sparte. Die Erzählung vom Smartphone-Pionier, die ARTE am Mittwochabend serviert hat, gehört in der Konzernzentrale jedenfalls der Vergangenheit an.