Auf der Earl Street North in Dublin steht die Bronzestatue von James Joyce, schmal, leicht zurückgelehnt, mit Spazierstock und Hut. An ihr ziehen heute, am 16. Juni 2026, hunderte Menschen in edwardianischer Tracht vorbei: Strohhüte, Tüllblusen, gestreifte Westen. Dublin begeht den 122. Bloomsday, den weltweit einzigen Feiertag, der einem Roman gewidmet ist.
Das James Joyce Centre koordiniert nach eigenen Angaben mehr als hundert Veranstaltungen, die das Bloomsday Festival 2026 (11. bis 16. Juni) ausmachen: geführte Stadtwanderungen, Lesungen, Performances, Konzerte, Ausstellungen, sogar Yoga-Sitzungen. Den Auftakt liefert das traditionelle Bloomsday-Frühstück im Belvedere College, wo Joyce von 1893 bis 1898 zur Schule ging. Auf den Tellern: gegrillte Schweineniere, wie Leopold Bloom sie im vierten Kapitel von Ulysses zubereitet. Auf dem Glasnevin-Friedhof inszenieren die JoyceStagers das Hades-Kapitel als Beerdigung für Paddy Dignam. Am Martello-Turm in Sandycove, mit dem der Roman beginnt, eröffnet die Volta Theatre Company ihre diesjährige Lesungsreihe.
Der Tag hat ein konkretes Datum, das nichts mit Politik oder Religion zu tun hat. Am 16. Juni 1904 ging Joyce zum ersten Mal mit Nora Barnacle aus, die später seine Frau werden sollte. Aus diesem privaten Anlass machte er das Gerüst für Ulysses, der 1922 in Paris erschien. Der erste organisierte Bloomsday fand 1954 zum 50. Jahrestag statt, initiiert von Patrick Kavanagh, Flann O'Brien und dem Verleger John Ryan. Offiziell anerkannt wurde der Tag in Dublin 1982, im Jubiläumsjahr von Joyces 100. Geburtstag.
Der deutsche Joyce
In Deutschland trägt die Auseinandersetzung mit Ulysses einen Namen: Hans Wollschläger. Seine Übersetzung von 1975 löste die ältere Fassung von Georg Goyert aus dem Jahr 1927 ab und gilt seither als kanonisch. Ein Team um den Anglisten Harald Beck und die Zürcher James Joyce Stiftung arbeitete jahrelang an einer revidierten Fassung, mit rund 5.000 Eingriffen, auf Grundlage der von Hans Walter Gabler 1984 herausgegebenen Edition. Die Erbin Gabriele Wolff legte beim Suhrkamp Verlag Widerspruch ein, mit Erfolg. Eine Auflage von 200 Exemplaren ist seit 2018 nur Wissenschaftlern zugänglich, die Buchhandel-Ausgabe scheiterte.
Die radiophonische Aneignung gelang dagegen. 2012 produzierte der Südwestrundfunk gemeinsam mit dem Deutschlandfunk eine 22-stündige Hörspielfassung unter der Regie von Klaus Buhlert. Buhlert arbeitete drei Jahre daran, 270 Tage davon im Studio. Die Erstausstrahlung lief am Bloomsday 2012 von 8 Uhr morgens bis zum frühen Morgen des Folgetags durch. Bis heute ist es eine der aufwendigsten Hörspielproduktionen der ARD.
Dublin als Kulisse
Wer heute durch Dublin geht, kann den literarischen Tag fast Schritt für Schritt nachvollziehen. Der Martello-Turm in Sandycove, in dem das Buch mit Stephen Dedalus' Rasur beginnt, beherbergt heute das James Joyce Museum. Davy Byrne's Pub in der Duke Street serviert ein Gorgonzola-Sandwich und ein Glas Burgunder, wie Bloom es in der Lestrygonen-Episode bestellt. Sweny's Pharmacy am Lincoln Place hat noch immer die Zitronenseife im Sortiment, die Bloom dort kauft. Pat Liddy, einer der bekanntesten Stadtführer Dublins, startet seine zweistündige Bloomsday-Tour am Gate Theatre.
Das James Joyce Centre in der North Great George's Street ist heute von 9:30 bis 18 Uhr kostenlos geöffnet, parallel läuft das Bloomsday Film Festival. Joyceaner versammeln sich an diesem Tag auch in New York, Paris, Triest und Zürich. Aber Dublin bleibt das Original.