Die wichtigste Nord-Süd-Verbindung Europas steht am Pfingstsamstag still. Am 30. Mai 2026 wird die Brennerautobahn A13 zwischen der Mautstelle Schönberg und dem Brennerpass von 11 bis 19 Uhr in beiden Richtungen vollständig gesperrt. Anlass ist eine Demonstration gegen die Verkehrsbelastung im Wipptal, angemeldet vom Bürgermeister der Gemeinde Gries am Brenner, Karl Mühlsteiger, in privater Funktion. Auch die parallele Brennerstraße B182 und die Ellbögener Straße L38 werden geschlossen, ein Ausweichen auf das nachgeordnete Netz ist damit ausgeschlossen.
Die österreichische Autobahngesellschaft ASFINAG geht in ihrer Prognose davon aus, dass rund 32.000 Fahrzeuge an diesem Tag am Brenner nicht durchkommen werden. Damit trifft die Sperre den Beginn der Pfingstferien in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt mitten in einer der traditionell stärksten Reisewellen des Jahres. Pro Jahr passieren laut ADAC etwa 14 Millionen Fahrzeuge die Strecke; sie gilt als wichtigste Alpenquerung Europas.
Möglich wurde die Vollsperrung erst durch ein Urteil des Tiroler Landesverwaltungsgerichts. Nachdem die Bezirkshauptmannschaft Innsbruck zunächst zwei Anmeldungen Mühlsteigers untersagt hatte, gab das Gericht 2025 einer Beschwerde unter Berufung auf die Versammlungsfreiheit statt. Eine Demonstration gegen hohe Verkehrsbelastung mit hoher Verkehrsbelastung zu begründen, so die Argumentation des Gerichts, führe die Versammlungsfreiheit ad absurdum.
Wir empfehlen Reisenden, an diesem Tag Tirol zu meiden oder die Fahrt zu verschieben.
Der ADAC rät, am 30. Mai grundsätzlich auf unnötige Autofahrten zu verzichten und für notwendige Fahrten „außerordentliche Zeitreserven“ einzuplanen. Wer ausweichen will, hat wenig Auswahl: Gotthard, San Bernardino und Reschenpass gelten als gleichermaßen überlastet, am Reschen kommen aktuell Baustellenbeschränkungen hinzu. Die Tiroler Landesregierung empfiehlt, die Region am Demonstrationstag ganz zu meiden. Wer zwingend muss, soll laut den Empfehlungen vor 9 Uhr die Grenze passieren.
Eine Brücke am Ende ihrer Lebensdauer
Im Zentrum des Konflikts steht die Luegbrücke, mit 1.804 Metern das längste Bauwerk der A13. Errichtet 1966 bis 1968, ist sie nach jahrzehntelangem Schwerverkehr und massivem Salzeintrag strukturell so geschwächt, dass sie seit dem 1. Januar 2025 nur noch einspurig befahren werden darf. Der Verkehr wird in beiden Richtungen über je eine Spur geführt, um die Brücke statisch zu entlasten. An rund 170 Verkehrsspitzentagen Richtung Süden und 160 Tagen Richtung Norden wechseln schwere Fahrzeuge über 3,5 Tonnen auf die innere Spur. Der Neubau hat Ende März 2025 begonnen, fertig sein soll die Brücke nach Plan im Jahr 2030.
Für den Güterverkehr gilt am Demonstrationstag de facto ein Durchfahrverbot. Lkw über 7,5 Tonnen dürfen ab 7 Uhr Richtung Süden und ab 9 Uhr Richtung Norden nicht mehr in den Korridor einfahren, Ausnahmen gibt es nur für Lebensmittel- und Medikamententransporte. „Ein Transit durch den Brennerkorridor ist an diesem Tag nicht möglich“, schreibt die Fachzeitschrift Verkehrsrundschau unter Verweis auf ASFINAG.
Mühlsteiger zielt mit der Aktion auf eine Debatte, die in den Anliegergemeinden seit Jahren geführt wird: Lärm, Feinstaub, Erschütterungen, ein Tal, das vom Transitverkehr überlastet sei. Politisch ist die Sperre brisant, weil sie ausgerechnet jenen Tag trifft, an dem der bayerische und der baden-württembergische Reiseverkehr Richtung Italien anrollt. Italienische Spediteursverbände und die Tiroler Wirtschaftskammer hatten gegen die Genehmigung protestiert, das Gericht entschied dennoch zugunsten des Versammlungsrechts.