Vor der Michaeliskirche in Zeitz haben am Dienstagvormittag Vertreter von Kirche, Stadt und Land Kränze niedergelegt. Der Termin um 11.55 Uhr erinnerte auf die Minute an die öffentliche Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz vor genau fünfzig Jahren. Zu den Rednern gehörte Landesbischof Friedrich Kramer von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.
Am 18. August 1976 hatte der damals 47-jährige Rippichaer Pfarrer sein Auto auf dem Zeitzer Marktplatz vor der Michaeliskirche abgestellt und Transparente daran befestigt. Auf einem stand: „Funkspruch an alle, Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an!“ Anschließend übergoss er seinen Talar mit Benzin und zündete sich an. Brüsewitz überlebte die Tat zunächst, starb aber vier Tage später an den schweren Verbrennungen.
In seiner Botschaft zum Jahrestag warnte Kramer vor pauschalen Interpretationen. „Uns steht es nicht zu, zu urteilen und doch wollen wir verstehen“, zitiert die EKM-Pressestelle den Bischof. Einseitige Deutungen würden „dem Menschen Oskar Brüsewitz nicht gerecht“. Der Bischof wandte sich ausdrücklich dagegen, den Pfarrer nachträglich als Gescheiterten, psychisch Kranken oder apokalyptischen Denker abzutun. Auch nach fünf Jahrzehnten seien die Fragen nach den Motiven nicht abschließend zu beantworten.
Ein politischer Akt, kein Selbstmord
In einem Abschiedsbrief hatte Brüsewitz seine Tat selbst als politisches Signal beschrieben, nicht als Suizid. Der frühere brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe nannte ihn später einen Vorboten der Wende, wie die Rhein-Neckar-Zeitung zum Jahrestag zitiert. Die Staatssicherheit versuchte die Wirkung der Tat zunächst herunterzuspielen: Von den rund 150 anwesenden Zeitzern hätten viele „ablehnende Haltungen“ gezeigt, notierten die Berichte.
Die Beerdigung am 26. August 1976 zog dann rund 400 Trauergäste an, darunter 70 Geistliche im Talar. Historiker sehen darin einen frühen Kristallisationspunkt kirchlicher Opposition in der DDR, der bis zur Ausbürgerung Wolf Biermanns im November desselben Jahres nachwirkte. Die SED versuchte anschließend, den Pfarrer als psychisch krank darzustellen, wie das Onlinemagazin HalleSpektrum in seiner Chronik der Ereignisse festhält.
Ich bin sehr stolz auf ihn und habe ihm nie Vorwürfe gemacht.
Gedenkwoche bis zum 23. August
Die Kranzniederlegung ist Teil einer siebentägigen Gedenkwoche, die die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und die Stadt Zeitz gemeinsam organisieren. Am Dienstagnachmittag folgte im Zeitzer Brühl-Kino eine Vorführung des Dokumentarfilms „Der Störenfried“ von 1992, bei der Regisseur Thomas Frickel und Zeitzeugen im Anschluss diskutierten. Am 20. August ist eine Podiumsdiskussion in der Nikolaikirche geplant, die den Titel „Protest! Wie weit gehen für die eigenen Ideale? Der Fall Brüsewitz heute“ trägt. Zum Abschluss am 23. August predigt Regionalbischof Johann Schneider in der Kirche Rippicha, wo Brüsewitz bis zu seinem Tod Pfarrer war.
Zur Requiemsfeier in Zeitz wird an diesem Mittwoch auch Brüsewitz' jüngste Tochter Dorothea Eichmann erwartet. Sie sagte der EKM-Pressestelle vorab, das Transparent, das ihr Vater 1976 mit nach Zeitz genommen habe, habe er bereits im Januar geschrieben. Am 23. August präsentiert die Familie außerdem einen neuen Dokumentarfilm in der Kirche von Rippicha.