Bruno Kramm, Sänger und Programmierer der Bayreuther Industrialband Das Ich, ist tot. Der 58-Jährige starb in der Nacht auf Samstag im spanischen Granada, wenige Stunden nach dem Konzert des Duos in der Sala Planta Baja. Wie die Nachrichtenagentur EFE und mehrere spanische Medien berichteten, ging bei der Rettungsleitstelle nach Mitternacht ein Notruf ein: Ein Bandmitglied sei zusammengebrochen und nicht mehr ansprechbar. Als die Einsatzkräfte eintrafen, konnten sie nur noch den Tod feststellen. Die spanischen Behörden gehen laut EFE von einem natürlichen Tod aus, eine offizielle Ursache ist bislang nicht bekannt.
Der Auftritt am Freitagabend war laut Sonic Seducer der erste Das-Ich-Gig in Südspanien überhaupt. Kramm hatte die Gruppe 1989 in Bayreuth mit Stefan Ackermann gegründet und ihr den charakteristischen Sound aus elektronischen Flächen, klassischen Zitaten und Performance-Elementen gegeben. Nachdem er kein Label für das Debüt „Die Propheten“ fand, gründete er kurzerhand Danse Macabre Records. In den 1990er Jahren wurde das Berliner Independent-Label zu einer festen Größe der deutschen Gothic- und Industrialszene.
Er konnte komplizierte Sachverhalte erklären, ohne zu vereinfachen, und blieb im Gespräch, statt zu belehren.
Über die Musik hinaus wurde Kramm ab 2010 auch politisch bekannt. Er trat der Piratenpartei bei, war Bundesbeauftragter für Urheberrecht und politischer Geschäftsführer der Landespartei Bayern, ehe er 2014 den Landesvorsitz in Berlin übernahm. In dieser Funktion trieb er den urheberrechtspolitischen Kurs der Partei voran - mit einem eigenen Beruf als Musiker und Labelbetreiber im Rücken.
GEMA-Urteil und Rückkehr zu den Grünen
Politisch prägend war 2016 ein Urteil des Berliner Kammergerichts, das Kramm mit angestrengt hatte. Die Richter entschieden letztinstanzlich, dass die GEMA keine Ausschüttungen an Verlage weitergeben darf, weder aus Vergütungsansprüchen noch aus Nutzungsrechten. Für viele Musikschaffende bedeutete das rückwirkend Millionenbeträge. Die Piratenpartei würdigt Kramm in ihrem am Freitag veröffentlichten Nachruf ausdrücklich für diesen Erfolg.
Nach der verlorenen Berliner Abgeordnetenhauswahl 2016 legte Kramm den Landesvorsitz nieder und kehrte, wie der Tagesspiegel damals dokumentierte, zu den brandenburgischen Grünen zurück. Politisch aktiv blieb er unter anderem in Werder (Havel), wo er mit Familie und eigenem Studio lebte.
Das Ich hatte im Frühjahr die vollständige Wiederveröffentlichung des Backkatalogs angekündigt und stand mit „Morgue“ wieder auf europäischen Bühnen. Ackermann und die Konzertagentur äußerten sich am Samstag zunächst nicht öffentlich. Kramm hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder.