Sechs Minuten Standing Ovation für ein Schwarzweiß-Roadmovie über Thomas und Erika Mann: Pawel Pawlikowskis „Fatherland“ hat am Donnerstagabend im Grand Théâtre Lumière in Cannes Weltpremiere gefeiert und ist nach Einschätzung der internationalen Fachpresse einer der starken Anwärter auf die Goldene Palme. Im Zentrum des Films steht Sandra Hüller in der Rolle von Erika Mann, der Tochter des Literaturnobelpreisträgers - und mit ihr ein deutsches Filmjahr in Cannes, wie es seit Langem nicht da war.

Pawlikowski erzählt die Geschichte einer Reise im Sommer 1949: Vater und Tochter fahren in einem schwarzen Buick vom amerikanisch besetzten Frankfurt ins sowjetisch kontrollierte Weimar, durch ein zerstörtes Nachkriegsdeutschland. Der polnische Regisseur, ausgezeichnet 2015 mit dem Oscar für „Ida“, hat das Drehbuch mit dem deutschen Autor Hendrik Handloegten geschrieben. Mit 82 Minuten ist „Fatherland“ der kürzeste Wettbewerbsbeitrag des Festivals. Variety und The Hollywood Reporter bescheinigen Hüller eine Performance, die das Rennen um den Darstellerinnenpreis eröffne. Neben ihr stehen Hanns Zischler, August Diehl und Devid Striesow vor der Kamera.

Grisebach im Wettbewerb, Schlöndorff in der Première-Reihe

Mit Valeska Grisebach steht zum ersten Mal eine deutsche Regisseurin im Hauptwettbewerb von Cannes. Ihr Film „Das geträumte Abenteuer“ spielt im Grenzgebiet zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Eine Archäologin lässt sich auf einen alten Bekannten und auf ein riskantes Benzin-Schmuggelgeschäft ein. Grisebach, die zuletzt 2017 mit „Western“ in der Nebenreihe Un Certain Regard vertreten war, schickt mit 21 weiteren Filmen um die Goldene Palme.

Die Einladung nach Cannes ist ein großes Geschenk. Es ist auch toll für alle Beteiligten.
- Valeska Grisebach gegenüber den Salzburger Nachrichten

Im Gespräch mit den Salzburger Nachrichten kritisierte Grisebach zugleich die Atmosphäre an europäischen Festivals: „Den ganzen Diskurs um Gaza, Palästina, Israel, diese Form von Zensur empfinde ich schon als sehr hinderlich.“ Den Druck auf die scheidende Berlinale-Chefin Tricia Tuttle nannte sie „sehr kurzsichtig und eigentlich auch als fehl am Platz“. Ihr Film läuft am 22. Mai, kurz vor Festivalschluss.

Schon am Samstag steht Volker Schlöndorff auf der Croisette. Der 87-Jährige zeigt in der Sektion Cannes Première seine Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“. Erzählt wird die Geschichte eines Hauses am brandenburgischen See und seiner Bewohner zwischen den 1920er Jahren und dem Mauerfall. Im Ensemble: Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Ulrich Matthes, Detlev Buck, Michael Maertens und Angela Winkler. Produziert haben Regina Ziegler (Ziegler Film) und Schlöndorffs Volksfilm gemeinsam mit Studio Babelsberg und Studiocanal. Der Kinostart in Deutschland ist für den 15. Oktober angesetzt.

Ein Festival ohne Hollywood

Dass deutsche Produktionen in diesem Jahr so präsent sind, hat auch mit einer Lücke zu tun: Wegen anhaltender Streitigkeiten zwischen Studios und Streamingdiensten und schleppender Großproduktionen fehlen viele der üblichen US-Beiträge. Die Abendzeitung sprach von einem Jahrgang, der „dem deutschen Film, der in Cannes oft kein gutes Standbein hatte“, einen ungewöhnlichen Auftritt verschaffe. Festivalleiter Thierry Frémaux hat Schlöndorffs Arbeit eigens als Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte herausgestellt.

Neben den drei Premieren laufen weitere Produktionen mit deutscher Beteiligung: Marie Kreutzers österreichisch-deutsche Koproduktion „Gentle Monster“ mit Jella Haase und Ryûsuke Hamaguchis „All of a Sudden“ stehen im Wettbewerb, in Un Certain Regard sind Sandra Wollners „Everytime“ und das Regiedebüt von Katharina Rivilis, „I'll Be Gone in June“, vertreten. Die 79. Filmfestspiele laufen bis zum 23. Mai; an diesem Tag gibt die Jury unter Vorsitz von Juliette Binoche die Preisträger bekannt.