Am vergangenen Samstag las Caroline Wahl im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zum ersten Mal aus ihrem vierten Roman „1999 Meter über dem Meer“. Die Veranstaltung, das Pre-Opening des Harbour Front Literaturfestivals, war seit Wochen ausverkauft. Draußen begleiten Wahls Auftritte im Herbst 2026 eine seltene Konstellation: Der Publikumszuspruch ist enorm, das Feuilleton streitet härter über sie als über kaum eine andere deutsche Autorin ihrer Generation.
Der bei Rowohlt am 28. August erschienene Roman erzählt von Samara, einer Endzwanzigerin, die Bali und Berlin hinter sich lässt und im Schweizer St. Moritz als Hochstaplerin ein neues Leben beginnt. Der Verlag preist die Geschichte als „wilde Achterbahnfahrt durchs Leben“, das Deutsche Schauspielhaus bewirbt sie als „Portrait unserer Zeit“. Wahl, 1995 geboren, hat seit dem Debüt „22 Bahnen“ 2023 drei weitere Titel veröffentlicht und gilt Rowohlt zufolge als eine der auflagenstärksten deutschen Gegenwartsautorinnen.
„Bestürzend schlecht“, schreibt die taz
Die schärfste Abrechnung kam aus der taz. In ihrer Rezension vom 29. August nennt Julia Hubernagel den Roman „bestürzend schlecht“ und wirft Wahl vor, Klischees aneinanderzureihen. Samara hasse „Sprachnachrichten“ und „Absatz-Sandalen“, St. Moritz erscheine als „lustiges, vielseitiges Alpendörflein“ ohne Blick auf die ökonomischen Verhältnisse dahinter. Hubernagel sieht Wahl auf einer Art „antiwokem Kreuzzug“ und diagnostiziert eine Autorin, die als „Traderin“ mit Kontroversen wirtschafte.
Sein vierter Roman ist bestürzend schlecht, und das Erschütternde ist, dass diese Tatsache offenbar geheim bleiben soll.
Weniger vernichtend, aber ähnlich analytisch fiel die Süddeutsche Zeitung aus. Aurelie von Blazekovic konstatierte, Wahl würde als Medienfigur und Autorin nicht so viel Spaß machen, „wenn sie zu den möglichen Einwänden ihrer Leser nicht gleich die passende Metakommunikation liefern würde“. Der Vorwurf: Wahls öffentliche Selbstinszenierung nehme Kritik den Wind aus den Segeln, bevor sie ausgesprochen sei.
Bei radio3 fand Arno Orzessek am 28. August ein gemischtes Urteil. Er attestierte dem Buch „unwiderstehliche Durchlesbarkeit“ und „Drive“, nannte einen Holocaust-Vergleich im Roman aber „arg geschmacklos-plakativ“. Am Ende zitierte er Thomas Mann: „Zweifelhaft. Aber die Unterhaltung war gut.“ Der Tagesspiegel druckte ein dpa-Interview mit Wahl, in dem die Autorin über den Roman sagt: „Ich wurde selbst parallel auch dreister.“ Frühere Shitstorms hätten sie zunächst getroffen, inzwischen sei sie „total dankbar“ dafür.
Debatte über die Debatte
Parallel zur Rezension der Bücher läuft eine Debatte über die Berichterstattung. Auf Übermedien.de warf Johanna Bernklau den Kulturressorts am 3. September vor, in Interviews mit Wahl gehe es „kaum etwas mit ihren Büchern zu tun, sondern vor allem mit ihr als Person“. Die immer gleichen Fragen nach „Größenwahn“, Autos und Geld brächten „auch im dritten Jahr“ keine neuen Antworten. An der Universität Siegen hatte der Sonderforschungsbereich 1472 bereits im Juli eine Tagung unter dem Titel „Problematisierte Popularität. Caroline Wahls Literatur“ ausgerichtet - die erste akademische Konferenz zu einer noch keine 32-jährigen Autorin.
Für Rowohlt scheint die Aufregung keine schlechte Nachricht zu sein. Nach dem ausverkauften Hamburger Termin am Samstag geht Wahls Lesetour im Oktober in Northeim, Dresden und München weiter, im November folgt Bielefeld. Perlentaucher listet zusätzlich Besprechungen aus Frankfurter Neuer Presse, Presse Wien, Kronen Zeitung, Falter und Profil - mit einer Bandbreite von Bestsellerprognose bis Verriss. Ob „1999 Meter über dem Meer“ literarisch trägt oder nicht: Als Betriebsphänomen ist der Roman längst gesetzt.