Die EU-Innenminister der 27 Mitgliedstaaten kommen am Dienstag zu einer Sondersitzung per Videokonferenz zusammen, um über die Massenankünfte in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta zu beraten. Die irische Ratspräsidentschaft kündigte die Zusammenkunft am Samstag über den Kurznachrichtendienst X an. Zeitgleich stieg die offizielle Zahl der Toten aus der Krise nach Angaben von Miguel Ángel Pérez Triano, dem Vertreter des spanischen Innenministeriums in Ceuta, auf mindestens 72.

Die Runde geht auf zwei parallele Anfragen zurück: den Brandbrief von 22 EU-Regierungschefs an Ratspräsident António Costa, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den irischen Regierungschef Micheál Martin sowie ein separates Schreiben von Ministerpräsident Pedro Sánchez, das Martin bereits am Freitag erhalten hatte. Am Montag treffen sich zunächst die EU-Botschafter, um die Videokonferenz vorzubereiten und laufende Entwicklungen zu bewerten, wie die Tiroler Tageszeitung berichtet.

Sánchez wirft Rom und Kopenhagen Rechtsbruch vor

Sánchez wandte sich am Samstag in einem eigenen Brief an von der Leyen und ging darin die Initiatoren des Brandbriefs, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen, offen an. Ihre Reaktion sei „egoistisch“ und „widerrechtlich“, die aus Rom mehrfach geäußerte Drohung eines Schengen-Ausschlusses Spaniens „demagogisch“. „Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig“, schrieb der Sozialist. Die Achtung europäischer Verträge sei es nicht.

Innenminister Fernando Grande-Marlaska verteidigte am Samstag in Ceuta zugleich die Zusammenarbeit mit Rabat. Spanien habe „die Lage in 24 Stunden umkehren“ können, sagte er nach einem Bericht von Euronews. „Marokko ist keine Bedrohung für Ceuta oder für das übrige Spanien. Es ist ein zuverlässiger Partner.“ Nach Ministeriumsangaben hatten sich bis Samstagabend rund 50.000 der zunächst geschätzten 60.000 Migranten wieder auf marokkanisches Gebiet zurückbegeben.

Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.
- Magnus Brunner, EU-Migrationskommissar, nach einem Telefonat mit dem spanischen Außenminister

Alltag kehrt zurück, doch der Regionalpräsident widerspricht

In der Innenstadt von Ceuta öffneten am Samstag Geschäfte, Cafés und Restaurants wieder, die während der chaotischen Tage geschlossen geblieben waren. Der öffentlich-rechtliche Sender RTVE filmte Familien am Strand und Einwohner mit Einkaufstüten. Regionalpräsident Juan Jesús Vivas widersprach der offiziellen Normalisierungserzählung: Tausende Migranten hielten sich weiter versteckt in der Stadt auf, sagte er. Rund 3.000 zusätzliche Sicherheitskräfte, die während der Krise verlegt worden waren, bleiben nach Angaben des Innenministeriums vorerst in der Exklave.

Die Zahl der Toten könnte weiter steigen. Ein an den Bergungsarbeiten beteiligter Polizist zitierte El País anonym mit den Worten, es gebe „mehr Tote im Meer“. Die meisten der bislang 72 Opfer ertranken beim Versuch, den Tarajal-Wellenbrecher schwimmend zu umgehen; einige starben im Gedränge auf der Betonspitze. Die 500 Meter lange schwimmende Bojensperre, die Sánchez am Freitag angekündigt hatte, wird laut Guardia Civil bis Sonntagabend fertig verlegt.

Aus Berlin meldete sich Außenminister Johann Wadephul zu Wort. Der Schutz der EU-Außengrenzen müsse „absolute Priorität“ haben, um die offenen Binnengrenzen des Schengen-Raums nicht zu gefährden, sagte er nach einem Bericht von t-online. Bundeskanzler Friedrich Merz gehört zu den 22 Unterzeichnern des Brandbriefs. Ob die Videokonferenz am Dienstag über symbolische Solidaritätsbekundungen hinaus konkrete Beschlüsse fassen wird, ist offen: Die Innenminister-Tagung hat als Ratsformation keine unmittelbare Gesetzgebungsbefugnis für einen Schengen-Ausschluss.