Wie wir seit Dienstag berichten, hatten binnen weniger Tage bis zu 60.000 Menschen die spanische Exklave Ceuta erreicht, die meisten schwimmend von der marokkanischen Küste. Am Freitagabend meldete das spanische Innenministerium eine Trendwende: Von den rund 50.000 in die Exklave gelangten Migranten befanden sich nach Zählung bis 18 Uhr nur noch etwa 1.700 dort. Mehr als 48.300 seien nach Marokko zurückgekehrt, berichtet die Tageszeitung El País unter Berufung auf Regierungsangaben.
Die Zahl der Toten stieg unterdessen weiter. Nach Angaben eines Ministeriumssprechers gegenüber der staatlichen Fernsehanstalt RTVE starben mindestens 57 Menschen beim Versuch, Ceuta zu erreichen - überwiegend durch Ertrinken. Am Donnerstag hatte die Guardia Civil noch 16 Todesopfer registriert, in einer ersten Bilanz am Freitag waren es 34.
EU-Migrationskommissar Magnus Brunner betonte, die Kontrolle sei auf europäischer Ebene gewahrt geblieben. „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten“, sagte Brunner. Ceuta gehört zwar zum Schengen-Raum, unterliegt für die Weiterreise nach Festland-Spanien aber einer eigenen Grenzkontrolle. Für diesen Samstag hat die EU-Kommission ein Krisentreffen von Migrationsexperten einberufen.
Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig. Die Achtung der europäischen Verträge und der Rechtslage ist es nicht.
Zweite Front an der Grenze zu Melilla
Nach dem Ansturm auf Ceuta verlagert sich der Druck: In der Nacht zu Samstag versuchten nach Angaben von RTVE und Radio Nacional rund 500 Menschen, den Grenzzaun der zweiten spanischen Nordafrika-Exklave Melilla zu überwinden. Zwei Stunden später, gegen 21 Uhr, folgte ein zweiter Versuch, bei dem einige Teilnehmer Steine auf spanische Sicherheitskräfte warfen; diese setzten Tränengas ein. Der Grenzübergang Beni Enzar ist seit Donnerstagabend geschlossen.
Regierungschef Pedro Sánchez führt die Massenankünfte in Ceuta auf eine gezielt gestreute Falschinformation zurück. Ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom Juni, das bestimmte Rückführungspraktiken untersagt, sei über Schleuser-Netzwerke als vermeintlich freie Einreise verbreitet worden. Diese Interpretation habe sich „wie ein Lauffeuer“ verbreitet, sagte Sánchez laut ZDFheute. Der Berliner Migrationsforscher Gerald Knaus hält zudem eine gezielte Duldung durch Marokko für möglich, um Druck auf Madrid auszuüben - schränkt aber ein: „Beweise habe ich dafür aber nicht.“ Zahlen des spanischen Innenministeriums zeigen, dass die Zahl der Übertrittsversuche schon im ersten Halbjahr 2026 auf 2.582 gestiegen war, gegenüber 978 im Vorjahreszeitraum. Der Ansturm der vergangenen Tage übersteigt beide Werte um ein Vielfaches.
Merz und Dobrindt halten an Binnengrenzkontrollen fest
Aus Berlin kommen weiter Signale für längerfristige Binnenkontrollen. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte gegenüber Euronews, die deutschen Grenzkontrollen würden „über September hinaus“ fortgesetzt. Kanzler Friedrich Merz (CDU) verlangte die sofortige Umsetzung einer EU-Rückkehrverordnung. CDU-NRW-Vorsitzender Günter Krings ergänzte, aus Spanien einreisende Asylsuchende müssten „grundsätzlich an den Grenzen zurückgewiesen“ werden, da Spanien nach der Dublin-Regel zuständig sei. Manuel Ostermann von der Bundespolizeigewerkschaft warnte vor einer Wiederholung von 2015, sollten „konsequente, zielgerichtete Grenzschutzmaßnahmen“ ausbleiben.
Italien hat unterdessen das Schengen-Abkommen mit Spanien vorübergehend ausgesetzt. Außenminister Antonio Tajani nannte den Schritt notwendig, „um die Sicherheit unserer Bürger zu gewährleisten und die europäischen Grenzen zu schützen“. Damit ist aus Melonis Drohung vom Donnerstag eine tatsächliche Grenzmaßnahme geworden. Wie lange die Aussetzung gelten soll, ließ Rom offen.