Die Ceuta-Krise hat am Freitagabend Berlin erreicht. Bundeskanzler Friedrich Merz telefonierte am späten Nachmittag mit dem spanischen Regierungschef Pedro Sánchez und forderte Marokko in einer anschließenden Erklärung des Regierungssprechers auf, die in Ceuta angekommenen Menschen „unverzüglich“ zurückzunehmen. Der Schutz der EU-Außengrenzen sei „entscheidend für die Bekämpfung illegaler Migration“, zitiert der Spiegel aus der Mitteilung. Die im Juni beschlossene EU-Rückkehrverordnung müsse „unverzüglich und umfassend“ angewendet werden.

Wie wir am Freitagmorgen und Nachmittag berichteten, hatten seit Mittwoch nach Angaben der spanischen Innenbehörden zwischen 49.000 und 60.000 Menschen die Grenze bei Fnideq überquert, überwiegend schwimmend. Bis zum späten Freitagabend hatten spanische Behörden rund 48.300 Rückführungen nach Marokko gemeldet, in der Exklave sollten noch etwa 1.700 Menschen bleiben. Die Zahl der Toten stieg nach ZDF-Angaben auf mindestens 57.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nutzte die Debatte, um eine bereits vorbereitete Ankündigung vorzuziehen: Die deutschen Binnengrenzkontrollen, die Vorgängerin Nancy Faeser (SPD) 2023 eingeführt und dreimal verlängert hatte, sollen auch über den bisherigen Endtermin Mitte September hinaus fortbestehen. „Wir werden die Möglichkeit der Binnengrenzkontrollen über den September hinaus verlängern“, sagte Dobrindt der Bild. „Flexible und angepasste Binnengrenzkontrollen“ müssten „weiter aufrechterhalten werden“. Aus Stuttgart schrieb der baden-württembergische CDU-Fraktionschef Manuel Hagel gemeinsam mit Innenminister Thomas Strobl an Dobrindt: Man biete „beschleunigte Unterstützung durch die Landespolizei in den Grenzräumen an, sofern erforderlich“.

Die Linke fordert Aufnahme, Weidel Abschiebung

In der deutschen Politik entwickelte sich am Abend ein Grundsatzstreit über die Konsequenzen. Clara Bünger, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, forderte Deutschland und die EU auf, sich an der Versorgung zu beteiligen und Migranten aus Ceuta aufzunehmen. „Jetzt zählt zuerst, dass niemand mehr stirbt“, sagte Bünger. „Höhere Mauern halten sie nicht auf, sie machen die Flucht nur tödlicher.“ AfD-Chefin Alice Weidel widersprach: Wer illegal nach Ceuta eingereist sei, müsse „umgehend abgeschoben werden“, das europäische Festland dürfe niemand von ihnen erreichen. Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler warnte im Bundestagsgespräch vor der „Signalwirkung“: Wenn Schleusernetzwerke zeigen könnten, dass eine Route funktioniere, folge weitere Migration.

Ceuta und Melilla gehören nicht zum Schengen-Raum. Die Menschen können nicht einfach weiterreisen.
- Gerald Knaus, Migrationsforscher, gegenüber t-online

Frage nach Weiterreise sachlich begrenzt

Der Berliner Migrationsforscher Gerald Knaus dämpfte im Interview mit t-online die Erwartung einer Weiterreise nach Deutschland. Ceuta und die zweite spanische Exklave Melilla gehörten nicht zum Schengen-Raum; Weiterreisen aufs spanische Festland würden am Fährhafen und Flughafen kontrolliert. Marokkanische Asylanträge in Deutschland lägen im ersten Halbjahr 2026 nach BAMF-Zahlen unter 300. In Brüssel bestätigte die EU-Kommission am Freitagabend, dass bislang keine Migranten aus Ceuta das EU-Festland erreicht hätten. Frankreich hatte präventiv vier mobile Einheiten sowie Flugzeuge und Drohnen an die Grenze zu Spanien verlegt.

Auf europäischer Ebene bleibt Deutschland vorerst bei der Linie, keine eigene Aufnahmezusage abzugeben. Merz verwies im Gespräch mit Sánchez auf die EU-Kommission und Migrationskommissar Magnus Brunner, der bereits am Donnerstag Unterstützung von Frontex angeboten hatte. Ein förmlicher Hilferuf aus Madrid, der Frontex-Kräfte auslösen würde, lag am späten Freitagabend nicht vor.