Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez ist am Freitagnachmittag in Ceuta eingetroffen und hat den Massenübertritt aus Marokko als „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens bezeichnet. „Was gestern geschah, war ein Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“, sagte der Regierungschef bei seinem Besuch, wie der Tagesspiegel berichtet. Sánchez machte kriminelle Schleusernetzwerke für die Eskalation verantwortlich und kündigte an, die Verantwortung für den Grenzschutz zentral in Madrid zu bündeln.

Wie wir am Freitagmorgen berichteten, waren in den 48 Stunden zuvor zwischen 49.000 und 60.000 Menschen die Grenze bei Fnideq nach Ceuta überquert, überwiegend schwimmend. Am Freitagnachmittag wurde die Zahl der Toten nach oben korrigiert: Mindestens 34 Migranten kamen bei den Überfahrten ums Leben, meldet die Deutsche Presse-Agentur. Die spanische Tageszeitung El País nennt unter Berufung auf Polizeiquellen sogar 43 Tote. Rund 25.000 Menschen sollen bis zum Nachmittag freiwillig nach Marokko zurückgekehrt sein.

Konkret kündigte Sánchez zusätzliche Maßnahmen an: Guardia Civil und Policía Nacional bleiben dauerhaft mit verstärkten Kräften in der Stadt, die Abschiebeverfahren werden beschleunigt, und im Meer sollen an der Grenzstrandzone Schwimmbojen als „physische Barriere“ verankert werden. Bereits am Donnerstag hatte die Regierung 60 Soldaten und 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta verlegt, der erste Militäreinsatz an der spanisch-marokkanischen Grenze seit Mai 2021.

Ganz Spanien steht an eurer Seite. Wir übernehmen die Verantwortung.
- Pedro Sánchez, spanischer Ministerpräsident, in Ceuta

Brüssel nennt Bilder „unzumutbar“, Rom bleibt bei Schengen-Vorstoß

In Brüssel bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Bilder aus Ceuta als „unzumutbar“ und forderte konsequentes Vorgehen gegen Schleuserbanden sowie eine rasche Rückführung der irregulär Eingereisten. Die EU-Grenzagentur Frontex hat nach Angaben von Migrationskommissar Magnus Brunner Unterstützungskräfte in Bereitschaft versetzt, ein förmlicher Hilferuf aus Madrid liegt bislang aber nicht vor. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hielt an ihrer Forderung nach einem Schengen-Ausschluss Spaniens fest, eine Position, die weder in Brüssel noch in anderen Hauptstädten aufgegriffen wurde.

Feijóo: „Krise der nationalen Sicherheit“

Die konservative Opposition unter Alberto Núñez Feijóo warf Sánchez vor, das Land in eine Krise der nationalen Sicherheit gesteuert zu haben. Die Regierung dürfe nicht wegsehen, sondern müsse den Grenzschutz garantieren, so der Chef der Partido Popular gegenüber spanischen Medien. Aus Rabat kam kein offizieller Kommentar zum Massenübertritt; Marokkos Botschafterin in Madrid verwies lediglich auf die Verpflichtung ihres Landes zu einer „legalen, geordneten und sicheren Migration“. Ob Marokko den Übertritt gezielt geduldet hat, um in territorialen Streitfragen politischen Druck auf Madrid auszuüben, ist unter Beobachtern umstritten.

In der 85.000-Einwohner-Stadt bleiben die Aufnahmezentren überfüllt. Eine Halle, ursprünglich für 512 Personen ausgelegt, beherbergte am Freitag mehr als 1.000 Menschen. Einige Geschäfte in der Altstadt öffneten aus Angst vor Plünderungen nicht. Für Sánchez ist die Reise politisch heikel: In Ceuta empfing ihn nach Berichten spanischer Sender eine wütende Menge, die Polizei musste den Konvoi absichern.