Der KI-Chatbot-Anbieter Character.AI hat am Montag beim zuständigen US-Insolvenzgericht Chapter 11 beantragt. Als Erstbieter („Stalking Horse Bidder“) für Teile des Vermögens steht Walt Disney bereit, der Medienkonzern bietet 20 Millionen Dollar für eine nicht-exklusive, dauerhafte Lizenz an bestimmten Rechten des geistigen Eigentums sowie für Ansprüche gegen Dritte. Das gerichtlich überwachte Verkaufsverfahren soll laut Unternehmensmitteilung bis Ende November, spätestens Anfang Dezember 2026 abgeschlossen sein.

Die Plattform bleibt während des Verfahrens online, laufende Abonnements werden weiter abgerechnet. Findet sich kein Käufer, der den Dienst erhalten will, soll Character.AI abgewickelt werden. Verbindlichkeiten und Vermögenswerte liegen laut Gerichtsunterlagen jeweils zwischen 50 und 100 Millionen Dollar, wie heise online aus dem Insolvenzantrag berichtet. Größter ungesicherter Gläubiger ist ausgerechnet Google mit rund 4,2 Millionen Dollar.

Der Fall markiert einen scharfen Absturz. Im August 2024 hatte Google 2,7 Milliarden Dollar gezahlt, um die Technologie von Character.AI zu lizenzieren und die beiden Mitgründer Noam Shazeer und Daniel de Freitas gemeinsam mit rund 30 weiteren Fachleuten zu Google DeepMind zurückzuholen. Shazeer ist einer der Mitautoren der 2017 veröffentlichten Transformer-Grundlagenarbeit „Attention Is All You Need“, auf der ein großer Teil der aktuellen Sprachmodell-Welle aufsetzt. Zwei Jahre später ist das verbliebene Unternehmen zahlungsunfähig.

Nach einer umfassenden Prüfung der verfügbaren Alternativen ist der Vorstand zu dem Schluss gekommen, dass dieser gerichtlich überwachte Verkaufsprozess dem Unternehmen die beste Gelegenheit bietet, den Wert für alle Stakeholder zu maximieren.
- Colin Adams, CEO Character.AI, Unternehmensmitteilung vom 12. Oktober 2026

Klagen wegen minderjähriger Nutzer

Als Gründe nennt das Unternehmen „erhebliche rechtliche, regulatorische und operative Belastungen“. Dahinter stehen vor allem mehrere Gerichtsverfahren rund um die psychische Gesundheit minderjähriger Nutzer. 2024 hatte eine Mutter aus Florida das Start-up verklagt, nachdem sich ihr 14-jähriger Sohn das Leben genommen hatte. Weitere Familien aus Colorado, New York und Texas folgten; fünf Fälle wurden Anfang 2026 außergerichtlich beigelegt, Zahlungshöhe nicht bekannt. Der US-Bundesstaat Kentucky klagt zudem auf staatlicher Ebene, auch die US-Handelsaufsicht FTC ermittelt wegen unlauterer Geschäftspraktiken, wie CNN berichtet.

Der frühere Character.AI-Chef Karandeep Anand hatte das Unternehmen bereits Anfang Oktober verlassen und war als Chief Technology Officer zu Disney gewechselt - weniger als zwei Wochen vor dem Insolvenzantrag. Die neue Spitze um Interim-CEO Colin Adams übernahm die Aufgabe, das Verfahren zu steuern. Disney hatte zuvor mehrfach Abmahnungen gegen auf Disney-Figuren basierende Chatbots verschickt und sichert sich mit dem Erstgebot nun gezielt den Zugriff auf die Lizenzrechte und auf Forderungen des Unternehmens gegenüber Dritten.

Was mit den Nutzerdaten passiert

Für die rund 20 Millionen monatlichen Nutzerinnen und Nutzer ist zunächst alles beim Alten; Character.AI weist in einem Blogpost darauf hin, dass Chats bis zum Abschluss des Verfahrens exportiert werden können. Was aus den gespeicherten Gesprächen wird, falls Disney oder ein konkurrierender Bieter den Zuschlag erhält, bleibt juristisch heikel: Verträge und Lizenzen können im Rahmen von Chapter 11 übertragen werden, der Verkauf personenbezogener Daten unterliegt in den USA jedoch gesonderten Regeln. Verbraucherschützer wie das Center for AI Safety mahnen bereits an, dass Minderjährige in den Datenbeständen besonders geschützt werden müssten, wie die New York Times festhält.

Konkurrenten wie OpenAI, Anthropic und Meta beobachten den Vorgang mit Interesse. Character.AI war in Spitzenzeiten das größte Verbraucher-Chatbot-Produkt neben ChatGPT, mit Rechenkosten von monatlich bis zu 13,8 Millionen Dollar im Jahr 2024. Die Insolvenz zeigt, wie schnell ein KI-Unternehmen durch die Mischung aus Haftungsrisiken, Compliance-Kosten und harter Konkurrenz unter Druck geraten kann - selbst wenn die Technologie als wegweisend gilt und die Gründer bei Google weiterarbeiten.