Rund 60 Minuten vor der geplanten Giftspritze hat das 6. Bundesberufungsgericht in Cincinnati am Mittwoch die Hinrichtung von Christa Gail Pike gestoppt. Wie wir gestern berichteten, hätte die 50-Jährige im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville sterben sollen - als erste Frau in Tennessee seit 1819. Ein Dreier-Panel des Berufungsgerichts entschied stattdessen mit 2:1 für einen kurzen Aufschub, wie unter anderem Nashville Banner und WSMV meldeten. Die Zeugen waren zu diesem Zeitpunkt bereits am Gefängnistor eingetroffen.

Ausschlaggebend war ein Argument von Pikes Anwaltsteam, das der Staat Tennessee zuletzt selbst gestützt hatte. In der Anordnung des Gerichts heißt es, „der Staat habe seine Prozessposition, sie sei eine Lügnerin, die sexuellen Missbrauch erfunden habe, jüngst revidiert“. Die Richter wollen nun prüfen, ob die schwere Kindheitsmisshandlung Pikes - Vergewaltigung mit elf und mit 17, später diagnostizierte bipolare Störung und posttraumatische Belastungsstörung - im Strafmaß von 1996 hinreichend gewürdigt wurde. Richterin Jane Stranch schrieb, der Habeas-Antrag „verdient Beachtung“, ein Aufschub sei „im Interesse der Gerechtigkeit“ nötig, wie evangelisch.de zitierte.

Tennessees Generalstaatsanwalt Jonathan Skrmetti reagierte binnen Stunden. „Wir werden weiterhin für die rechtmäßig verhängte Strafe eintreten, während sich die Gerichte durch diese technische Frage arbeiten“, teilte sein Büro mit. Der Staat legte umgehend Beschwerde beim Supreme Court in Washington ein - dem selben Gericht, das Pikes eigenen Eilantrag am Dienstag noch ohne Begründung abgewiesen hatte. Eine Entscheidung, ob die neun Richter den Aufschub aufheben, stand am Mittwochabend deutscher Zeit noch aus.

Vor dem Riverbend versammelten sich 60 Gegner

Vor dem Hochsicherheitsgefängnis in Nashville hatte sich seit dem frühen Morgen eine ungewöhnlich große Menge eingefunden. Nach Zählung des Nashville Banner kamen mehr als 60 Todesstrafengegner - etwa doppelt so viele wie bei bisherigen Hinrichtungen im Bundesstaat - sowie rund 15 Befürworter der Vollstreckung. Unter den Anwesenden war Amanda Buck, eine ehemalige Mitgefangene, die Zeit mit Pike im Trakt verbracht hatte und ein Tattoo mit dem japanischen Schriftzeichen für „Stärke“ trug, das Pike ihr gestochen hatte.

Ich will einfach daran erinnert werden, dass sie fort ist und ich keine Angst mehr haben muss, dass sie irgendwo wieder auftaucht.
- May Martinez, Mutter des Opfers, Nashville Banner

May Martinez, Mutter der ermordeten Colleen Slemmer, war eigens aus Florida angereist - rund 970 Kilometer. Sie hatte laut Nashville Banner „jahrzehntelang darauf gewartet, dass Pikes Urteil vollstreckt wird“. Auf die Nachricht vom Aufschub reagierte sie enttäuscht: Es gehe „nie um die Opfer“, hatte sie schon am Vortag gegenüber 20 Minuten gesagt. „Es ist, als wäre Colleen nie da gewesen.“ Ihre Tochter war 1995 im Alter von 19 Jahren in Knoxville von Pike und einem Komplizen stundenlang gequält und getötet worden.

Auch die katholischen Bischöfe Tennessees hatten sich noch am Morgen zu Wort gemeldet. Der Fall werfe „schwerwiegende Fragen zu Gerechtigkeit und angemessener Strafe“ auf, teilten sie mit. Amnesty International und UN-Menschenrechtsexperten hatten wochenlang eine Umwandlung in lebenslange Haft gefordert. Sollte der Supreme Court den Aufschub bestätigen, muss Tennessee einen neuen Termin ansetzen - die letzte Hinrichtung im Bundesstaat, jene von Darrell Hines am 13. August, war die 20. seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976.