Tennessee bereitet die erste Hinrichtung einer Frau seit mehr als 200 Jahren vor. Am Mittwoch, den 30. September, soll Christa Gail Pike im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville per Giftspritze sterben. Gouverneur Bill Lee lehnte am Montag das Gnadengesuch der 50-Jährigen ab, wie unter anderem der Tagesspiegel und t-online berichteten. Der Oberste Gerichtshof des Bundesstaats hatte zuvor sämtliche Berufungen zurückgewiesen.
„Nach sorgfältiger Abwägung des Gnadengesuchs und einer gründlichen Prüfung des Falls halte ich das Urteil des Staates Tennessee aufrecht“, teilte Lee in einer Erklärung mit. Pike wäre damit die erste Frau, die im Bundesstaat seit 1819 hingerichtet wird, und erst die 19. Frau, die in den USA seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 exekutiert wurde.
Verurteilt wurde Pike 1996 für den Mord an der 19-jährigen Colleen Slemmer. Beide besuchten das Job-Corps-Ausbildungszentrum in Knoxville. Der Anklage zufolge lockte Pike ihre Mitschülerin im Januar 1995 gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Tadaryl Shipp auf ein abgelegenes Gelände nahe der University of Tennessee, wo das Opfer stundenlang gequält wurde. Pike ritzte ein Pentagramm in Slemmers Brust; ein Stück des Schädelknochens fanden Ermittler später in ihrer Unterkunft. Shipp, damals 17, wurde zu lebenslanger Haft mit Aussicht auf Bewährung verurteilt.
Vor der Hinrichtung hatten Pikes Anwälte bis zuletzt versucht, das Ausführungsprotokoll zu kippen. Der Antrag, statt der Giftspritze durch Erhängen sterben zu dürfen, wurde vom Tennessee Supreme Court ebenso abgelehnt wie die Bitte um Umwandlung in lebenslange Haft. Die letzte Hinrichtung im Bundesstaat liegt erst wenige Wochen zurück: Am 13. August 2026 war Darrell Hines exekutiert worden.
„Eine Zelle so groß wie ein Parkplatz“
Amnesty International hatte im August eine „Urgent Action“ für Pike gestartet. Die Organisation verweist auf die Biografie der Verurteilten: Pike sei als Kind vergewaltigt, geschlagen und vernachlässigt worden, ohne dass der Staat trotz Kenntnis eingegriffen habe. Erst Jahre nach ihrer Festnahme wurden bei ihr eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Bei ihrem Prozess seien diese mildernden Umstände von den Pflichtverteidigern kaum vorgetragen worden.
Ein Anwalt Pikes beschrieb dem Tagesspiegel die Haftbedingungen der vergangenen drei Jahrzehnte drastisch. „Sie hat die letzten 30 Jahre in einer winzigen Zelle verbracht - etwa so groß wie ein Parkplatz. Eine Stunde am Tag darf sie hinaus.“ Als einzige Frau im Todestrakt Tennessees war Pike seit ihrer Verurteilung faktisch in Einzelhaft untergebracht.
Ob mir Gnade gewährt wird oder nicht - ich habe meinen Frieden gefunden.
Pike selbst hat sich in den vergangenen Tagen mehrfach öffentlich geäußert. Der New York Times sagte sie, sie durchlebe „diese Hinrichtung jeden Tag“ in ihrem Herzen. Gegenüber 20 Minuten reflektierte sie über die eigene Kindheit: „Wenn jemand eingegriffen hätte, als ich fünf war, als ich sieben war, als ich elf war ...“ Die Mutter ihres Opfers, May Slemmer Martinez, wies solche Erklärungsversuche zurück. „Es geht nie um die Opfer“, sagte sie 20 Minuten. „Es ist, als wäre Colleen nie da gewesen.“
Die Hinrichtung ist für 10:00 Uhr Ortszeit angesetzt, kurz nach Mitternacht deutscher Zeit am Donnerstag. Sollte sie vollzogen werden, endet in Tennessee eine 207 Jahre alte Zäsur - und die Debatte um die US-Todesstrafe erhält einen Fall, den Amnesty schon jetzt als Beispiel für den Umgang mit schwerst traumatisierten Angeklagten anführt.