Christine Siegert, seit 2015 Leiterin der Forschungsabteilung des Beethoven-Hauses in Bonn und Präsidentin des Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen, ist tot. Sie starb am 3. August im Alter von 55 Jahren nach schwerer Krankheit, wie das Beethoven-Haus in Bonn diese Woche mitteilte.

Siegert prägte die musikwissenschaftliche Arbeit des Bonner Instituts über elf Jahre. 2015 übernahm sie die Leitung von Beethoven-Archiv und Verlag, ein Jahr später wurde sie Gesamtherausgeberin der Neuen Beethoven-Gesamtausgabe. Unter ihrer Verantwortung erschienen wissenschaftliche Editionen der Neunten Sinfonie (2020) und der Leonoren-Ouvertüren (2017); die Urfassung der „Leonore“ von 1805, an der sie zuletzt arbeitete, soll 2027 uraufgeführt werden.

Wir verlieren mit Christine Siegert eine prägende Persönlichkeit unseres Hauses und eine geschätzte Kollegin. Ihre Arbeit wird in den Publikationen und Forschungsprojekten und vor allem in unserer Erinnerung weiterleben.
- Malte Boecker, Direktor des Beethoven-Hauses

Neben den Editionen leitete Siegert mehrere Verbundprojekte. Das DFG-geförderte Vorhaben „Beethoven in the House“ (2020 bis 2023) untersuchte häusliche Musizierpraxis, „Das Handwerk des Verlegers“ (2021 bis 2024) die Editionsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Angestoßen hatte sie außerdem das Bridgetower-Projekt, das Rassismus, Diskriminierung und Diversität im Musikbetrieb historisch aufarbeitet.

Vom Cherubini-Doktorat zur Beethoven-Gesamtausgabe

Geboren am 24. April 1971 in Göttingen, studierte Siegert Schulmusik, Musikwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Hannover und im französischen Amiens. 2003 promovierte sie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover mit einer Arbeit über Luigi Cherubini in Florenz. Nach Stationen am Joseph-Haydn-Institut in Köln und einer Juniorprofessur an der Universität der Künste Berlin wechselte sie 2015 an das Beethoven-Haus.

Neben der Forschung übernahm sie in den vergangenen Jahren zentrale ehrenamtliche Ämter: Seit August 2023 stand sie an der Spitze des Landesmusikrats NRW, seit September 2024 leitete sie die Konferenz der Landesmusikräte, ab 2025 gehörte sie dem Präsidium des Deutschen Musikrats an. Am Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin führte sie den Wissenschaftlichen Beirat.

Der Landesmusikrat NRW erinnerte in seinem Nachruf an eine Präsidentin, „die zuhörte, Brücken baute und Menschen zusammenführte“. Siegert sei überzeugt gewesen, dass das Musikleben seine Kraft aus seiner Vielfalt schöpfe. Der Bonner Verein Bürger für Beethoven würdigte sie am Mittwoch: Für Siegert seien, so Vereinsvorsitzender Stephan Eisel, musikwissenschaftliche Arbeit und bürgerschaftliches Engagement „zwei Seiten der gleichen Medaille“ gewesen. Bis kurz vor ihrem Tod war sie öffentlich aktiv, zuletzt beim Vierten Bonner Beethoventag am 11. Juli 2026.