Der Christopher Street Day in Berlin hat am Samstag nach Angaben der Veranstalter „mehrere hunderttausend“ Menschen auf die Straße gezogen und ist damit der größte in der 48-jährigen Geschichte des Berliner CSD. Punkt zwölf Uhr setzte sich der Zug mit 85 Wagen und 52 Fußgruppen an der Leipziger Straße in Bewegung; die Spitze erreichte gegen 15.30 Uhr das Brandenburger Tor, wie der Tagesspiegel im Liveblog berichtete. Die BVG schloss im Laufe des Nachmittags mehrere U-Bahnhöfe entlang der Route wegen Überfüllung.
Zum ersten Mal streckte sich der CSD über zwei Tage. Bereits am Freitagabend hatte auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor die „Demokratienacht“ von 18 bis 23 Uhr stattgefunden, unter anderem mit einem Auftritt der Rapperin Ikkimel. Der Samstag lief unter dem politischen Motto „Haltung ist hot“ - eine offene Referenz auf die Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September, bei der 16- und 17-Jährige erstmals mitwählen dürfen.
Wir nehmen die Energie dieses CSD jeden Tag mit, bis das Grundgesetz in Artikel 3 geändert ist.
Sophie Koch, seit 2025 Queer-Beauftragte der Bundesregierung, wandte sich am Brandenburger Tor an die Menge und knüpfte ihre Rede an die seit Jahren blockierte Reform des Grundgesetzes. Der Bundesrat hat der Ergänzung von Artikel 3 um den Schutz vor Diskriminierung wegen der sexuellen Identität längst zugestimmt, im Bundestag steckt die Vorlage weiter im Ausschuss fest. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte sich schon zuvor persönlich für die Reform stark gemacht: „Jetzt sind wir auf der Zielgeraden. Ich wünsche mir, dass der Bundestag gerade auch in diesen Zeiten ein klares Bekenntnis abgibt“, sagte Wegner dem Tagesspiegel im Vorfeld.
Sarah Connor überrascht, Softair-Attacke in Schöneberg
Als Überraschungsgast trat am Abend Sarah Connor ohne Gage auf die Hauptbühne und sang „Vincent“, ihren Song über einen queeren Teenager. Ausgezeichnet wurden das Songwriter-Duo Peter Plate und Ulf Leo Sommer sowie die Berliner Techno-Kollektive BUTCH*WALK und die französischen Autoren Didier Eribon und Édouard Louis mit dem „Soul of Stonewall Award“.
Am Rande der Parade meldete die Polizei Berlin einen Angriff mit einer Softair-Waffe. Aus einer Wohnung in der Courbièrestraße in Schöneberg wurde auf vorbeiziehende Teilnehmende geschossen; nach ersten Angaben wurden vier Personen und zwei Beamte leicht verletzt, medizinische Behandlung lehnten die Betroffenen ab. Die parallele Demonstration des propalästinensischen Bündnisses „Internationalist Queer Pride“ mit rund 7.000 Menschen wurde in Wedding mehrfach von der Polizei gestoppt, weil laut Einsatzleitung strafbare Parolen skandiert worden waren. Die tageszeitung berichtete am Freitag von einem Vorfeld-Streit um Polizeigewalt beim gleichnamigen Umzug 2025.
Der zeitliche und personelle Aufwand für die diesjährige Ausgabe lag deutlich über dem Vorjahr. Der Veranstalter hatte sechs politische Forderungen an das nächste Berliner Abgeordnetenhaus formuliert - unter anderem verlässliche Landesförderung für Pride-Events und eine Bewerbung für die WorldPride 2032. Nach dem Rückzug des Möbelhauses Höffner aus der Sponsorenreihe, das nach Berichten über AfD-Spenden aus der Teilnehmerliste gestrichen worden war, zeigte sich der Kreis der werbenden Firmen unverändert breit. BVG, Sparkasse, Deutsche Bank, Rewe, Siemens und Vodafone waren mit eigenen Wagen vertreten.