Rund 24 Stunden nach der tödlichen Attacke am Rande des Berliner Christopher Street Day haben sich am Sonntagnachmittag Tausende Menschen am Brandenburger Tor versammelt. Der CSD-Verein, das Solidaritätsnetzwerk und die queere Opferberatung Maneo hatten unter dem Motto „Wir trauern gemeinsam“ spontan zur Kundgebung aufgerufen. Auf dem Pariser Platz waren nach Angaben des Tagesspiegel bis zu 10.000 Menschen. Die Kapazitätsgrenze wurde erreicht, Ordner leiteten hinzukommende Trauernde ab.

Vor dem Tor lagen Blumen und Kerzen, viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer trugen schwarze Kleidung und Regenbogenfahnen. Auf Plakaten stand „Hass ist tödlich“, „Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle“ und „Protect queer lives“. Eine Schweigeminute unterbrach die Reden am frühen Nachmittag, wie die Volksstimme berichtet.

Zusammensein ist die größte Revolution.
- Theresa Zanon, D-Dur Dykes, bei der Kundgebung am Brandenburger Tor

Auf der Bühne sprach Theresa Zanon vom queeren Chor D-Dur Dykes, der die Kundgebung mitinitiiert hatte. Sie bezeichnete Wut und Gemeinschaft als „die stärksten Waffen gegen Hass“ und sagte den Satz, der später auf mehreren Plakaten zitiert wurde: „Zusammensein ist die größte Revolution.“ Luca Flor vom Solidaritätsnetzwerk erklärte laut Tagesspiegel: „Diese Gewalt hat System. Einen Angriff auf eine:n werten wir als Angriff auf alle.“ Mr. Fetish Berlin 2026 sagte: „Allein dass wir hier sind, ist ein Politikum.“ Vom Anti-Gewalt-Projekt Maneo war für 17.30 Uhr ein separater Trauermarsch vom Nollendorfplatz angekündigt.

Politik am Pariser Platz

Unter den Teilnehmenden waren nach Tagesspiegel-Angaben der CDU-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus Dirk Stettner, die Grünen-Politikerin Ricarda Lang sowie Vertreterinnen und Vertreter der SPD. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte seine Teilnahme angekündigt. Der Verband Queere Vielfalt (LSVD) hatte bereits am Vormittag auf Instagram formuliert: „Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen.“ Lang hatte sich am Sonntagmorgen ebenfalls auf Instagram geäußert. Sie schrieb, sie sei „zu diesem Horror aufgewacht“, und wandte sich an queere Menschen: „Ihr seid nicht allein. Wir dürfen die Angst nicht gewinnen lassen. Niemals.“ Der Linken-Abgeordnete Luigi Pantisano forderte, auf Hass „nicht mit Angst, sondern mit Solidarität“ zu reagieren.

Verletzte, Fahndung, Sicherheitslage

Parallel zur Kundgebung wurde in der Charité die medizinische Bilanz aktualisiert. Nach Angaben der Klinik sind die dort behandelten acht Patientinnen und Patienten außer Lebensgefahr. Insgesamt spricht Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) laut ZDFheute von 29 Verletzten, teils schwer. Eine Frau war in der Nacht zu Sonntag ihren Verletzungen erlegen. Die Polizei fahndet weiter nach dem 21-jährigen Tatverdächtigen Abdul B., einem deutschen Staatsbürger, der laut Behörden dem islamistischen Spektrum zugerechnet wird. Der Fahndungsdruck sei „maximal“, so das ZDFheute-Liveblog, Spezialkräfte anderer Bundesländer und die GSG 9 unterstützten die Berliner Polizei.

Für den Abend hatten die Veranstalter zu einem Trauermarsch vom Nollendorfplatz aufgerufen; die Route führt in Richtung Tiergarten, dorthin, wo am Samstagabend ein weißer Transporter kurz vor der Abschlusskundgebung in die Menschenmenge gerast war. Wegner hatte bereits am Vormittag von einem „Angriff auf uns alle“ gesprochen, Dobrindt vom „islamistischen Terroranschlag“.