Hamburg hat am Samstag den größten queeren Aufzug des Sommers unter massivem Polizeischutz durchgezogen. Rund 250.000 Menschen wurden zur CSD-Demonstration erwartet, die um 12 Uhr an der Lübecker Straße startete und über gut fünf Kilometer bis zur Lombardsbrücke führte. Es ist die erste Pride-Parade dieser Größenordnung in Deutschland seit dem tödlichen Anschlag auf den Berliner CSD am 25. Juli, bei dem eine polnische Frau starb und nach Behördenangaben 29 weitere Menschen verletzt wurden.
Das Motto der Hamburger Pride Week lautet in diesem Jahr „Solidarisch queer. Haltung zeigen - für eine Zukunft ohne Angst!“. Der Berliner CSD schickte einen eigenen Wagen mit; Teilnehmerinnen und Teilnehmer trugen dunkle Kleidung als Zeichen der Trauer für die Opfer der vergangenen Woche, wie Euronews vom Rand der Parade berichtete.
Doppelte Polizeipräsenz und Rammschutz
Die Polizei Hamburg zog nach eigenen Angaben rund doppelt so viele Kräfte zusammen wie im Vorjahr und ergänzte die Route um technische Sperren, die Angriffe mit Fahrzeugen verhindern sollen. Innensenator Andy Grote (SPD) hatte nach dem Berliner Anschlag angekündigt, „die Sicherheitsmaßnahmen für den CSD kommende Woche in Hamburg noch einmal sorgfältig überprüft“ zu haben, „um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten“. Das Schutzniveau sei ohnehin hoch gewesen, „gerade was den Schutz vor Überfahrtaten angeht“, sagte Grote.
Am Informationsstand am Jungfernstieg standen Beamte gemeinsam mit den LSBTI*-Ansprechpersonen der Polizei bereit. Die Behörde hatte den Sperrbereich rund um die Innenstadt bereits Donnerstagmorgen schrittweise geräumt und empfahl den Anreisenden, „den Bereich rund um die Hamburger Innenstadt nach Möglichkeit weiträumig zu umfahren“.
Nach dem brutalen Anschlag auf den CSD in Berlin sind viele in der queeren Community, aber auch in der Gesellschaft, unsicher, ob hier und heute der richtige Ort ist. Ich sage: Jetzt erst recht auf die Straße, für Vielfalt, für Freiheit, für eine offene Gesellschaft.
„Wir lassen uns nicht einschüchtern“
In den Straßen dominierte weniger die Feier als das Bekenntnis, gerade jetzt sichtbar zu sein. „Sicherheit ist wichtig, aber wir dürfen uns von Islamisten oder Extremisten nicht vorschreiben lassen, wie wir leben“, sagte die Besucherin Kimberly gegenüber t-online. Zwei Teilnehmerinnen, Janne und Sarah, räumten ein: „Natürlich hat man auch etwas Angst, dass hier etwas Ähnliches passiert. Man ist definitiv unruhig.“ Andere argumentierten aggressiver gegen die Furcht: „Es ist entscheidend, sich nicht einschüchtern zu lassen, denn genau das wollen sie erreichen“, erklärten Leo und Mona.
Die Dragqueen Lola Del Fierce rief die Community dazu auf, „selbst wenn es schwerfällt, öffentlich und sichtbar zu erscheinen“. Ein Teilnehmer namens Alex sagte gegenüber t-online, was in Berlin passiert sei, „macht einen nachdenklich, aber hier fühle ich mich sicher. Liebe ist immer stärker als Hass“.
Am Samstag vor einer Woche war Abdul Ballout, 21, mit einem Van in die Auflösungsphase des Berliner CSD am Tiergarten gefahren und hatte anschließend Menschen mit einer Machete attackiert. Ballout wurde am 28. Juli in einer Spandauer Kleingartenkolonie von einem Sondereinsatzkommando erschossen; der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Am Hamburger Rathaus hing seit dem vergangenen Sonntag ein Trauerflor neben der Regenbogenfahne. Die SPD-Landesspitzen Nils Weiland und Melanie Leonhard hatten erklärt: „Hamburg steht fest und aus vollem Herzen an der Seite der queeren Community“.
Zum Straßenfest rund um Jungfernstieg, Ballindamm und Rathausmarkt werden noch bis zum Sonntagabend Hunderttausende erwartet. Nach Angaben der Veranstalter von Hamburg Pride e.V. handelt es sich mit bis zu 300.000 Teilnehmenden regelmäßig um eine der größten Pride-Veranstaltungen der Bundesrepublik. In diesem Jahr wird sie zum ersten Aufmarsch, an dem sich die queere Bewegung öffentlich messen lassen muss, wie ernst sie ihr eigenes Versprechen von Sichtbarkeit unter Bedrohung nimmt.