Im Kultur Palast Harburg laufen seit Freitagnachmittag die ersten Digital Independence Days (DIDAYS). Der Chaos Computer Club Hamburg (CCCHH) und die Wau-Holland-Stiftung richten das dreitägige Wochenende gemeinsam aus; es ist das bislang größte Format der im Dezember 2025 gegründeten Initiative Digital Independence Day. Rund fünfzehn Hamburger Initiativen beteiligen sich, darunter die Volkshochschule und mehrere Repaircafés. Der Eintritt ist frei, das Programm läuft von Freitag 14 Uhr bis Sonntagnachmittag.

Vorträge und Werkstätten drehen sich um konkrete Alternativen zur Software der großen Plattformkonzerne: unabhängige Messenger, freie Office-Pakete, selbstgehostete Clouds, sichere Passwortverwaltung. Darüber hinaus beschäftigen sich Diskussionen mit der Rolle künstlicher Intelligenz und der Digitalisierung der Hamburger Verwaltung. Das Konzept folgt der Logik der monatlichen di.day-Treffen, die laut Initiative inzwischen in über 100 deutschen Städten und mehr als 200 Veranstaltungen in acht Ländern stattfinden.

Mitinitiator Marc-Uwe Kling, Schriftsteller und Kabarettist, zeigte sich im Vorfeld überrascht von der Dynamik der Bewegung. Gegenüber dem CCC Hamburg sagte er:

Als wir vor nicht mal einem Jahr die Idee zum Digital Independence Day hatten, hätten wir nicht zu hoffen gewagt, dass der DID so viel Resonanz finden würde.
- Marc-Uwe Kling, CCC Hamburg

CCC-Sprecher Jochim Selzer begründete das Engagement des Clubs mit einer konkreten Sorge vor Fremdbestimmung durch Hersteller. „Ich möchte nicht, dass mich ein Betriebssystemhersteller zwingen kann, meinen vollkommen funktionstüchtigen Rechner wegzuwerfen, nur weil die neue Softwareversion unnötig hohe Hardwareanforderungen stellt“, zitiert ihn der Chaos Computer Club Hamburg in der Ankündigung. Die Debatte um erzwungene Hardware-Erneuerungen hatte zuletzt an Schärfe gewonnen, nachdem Microsoft den Support für Windows 10 ausgelaufen ließ und viele ältere Geräte Windows 11 nicht ausführen können.

Von Digitalcourage zum bundesweiten Erste-Sonntags-Format

Hinter dem Digital Independence Day steht der Bielefelder Verein Digitalcourage, der sich seit 1987 für Datenschutz und digitale Grundrechte einsetzt. Das Prinzip ist bewusst niedrigschwellig: An jedem ersten Sonntag im Monat treffen sich lokale Gruppen, um Interessierten den Umstieg auf Dienste wie Signal, LibreOffice oder Firefox zu erklären. Auf der Projektseite diday.org heißt es, Konzerne „sammeln massiv Daten“ und „beeinflussen durch Algorithmen unsere Wahrnehmung“ - für fast jeden Dienst existiere jedoch eine datenschutzfreundliche Alternative.

Dass die erste große Mehrtages-Variante ausgerechnet in Hamburg stattfindet, hat organisationshistorische Gründe: Die Wau-Holland-Stiftung geht auf einen der Gründerväter des deutschen Hackerclubs zurück und sitzt seit Jahren im Umfeld des CCC. Das Harburger Kulturhaus, früher als Rieckhof bekannt, bietet Bühne und Werkstatträume für Formate, die bisher in Vereinsheimen und Hinterzimmern stattfanden. Angesichts der Debatten um EU-Chatkontrolle, KI-Verordnung und die digitale Souveränität der Verwaltung ist der Zeitpunkt kein Zufall.

Für die Besucherinnen und Besucher ist das Format bewusst offen gehalten. Wer am Samstagvormittag ein paar Stunden Zeit hat, kann in einen Workshop zum eigenen Passwort-Manager hineingehen oder sich zeigen lassen, wie ein alter Laptop mit Linux statt mit Windows weiterläuft. Für die beteiligten Initiativen ist das die eigentliche Botschaft: Digitale Unabhängigkeit beginnt in Harburg nicht mit einem Manifest, sondern mit einer Reparaturanleitung.