Als Harry Kane in der 86. Minute den Rücken zum Tor drehte, den Ball annahm und aus der Drehung ins kurze Eck schoss, war das Sechzehntelfinale zwischen England und der DR Kongo im Atlanta Stadium entschieden. 2:1 für die Three Lions, obwohl die Léopards von der ersten Minute an mutiger spielten als der Favorit. Brian Cipenga hatte den Außenseiter bereits in der 7. Minute nach einer kurz ausgeführten Ecke von Kapitän Chancel Mbemba in Führung gebracht - und für die DR Kongo hätte dieser Abend historisch werden können. Es wurde stattdessen ein Ausscheiden, das erst nach dem Abpfiff eine noch traurigere Wendung nahm.
Bis zur 75. Minute stand das kongolesische 4-4-2 unter Sébastien Desabre so kompakt, dass Englands Trainer Thomas Tuchel auf der Bank zunehmend nervös wurde. Yoane Wissa traf in der 42. Minute den rechten Pfosten, in der 44. verweigerte der salvadorianische Schiedsrichter Ivan Barton Kane den geforderten Elfmeter, obwohl es einen leichten Kontakt mit Torhüter Lionel Mpasi gegeben hatte. Mpasi, in der französischen Ligue 2 unter Vertrag bei Rodez, parierte danach zweimal gegen Jude Bellingham und einmal glänzend gegen Kane. Der Torhüter erhielt in den kongolesischen Radios in Kinshasa den Zusatz „le rempart“, den Wall - Radio Okapi schrieb in der Nachtausgabe von einer Mannschaft, die 45 Minuten vom exploit entfernt gewesen sei.
Es war sehr stressig, aber wir haben immer daran geglaubt. Wir haben den Sieg verdient, mussten aber extrem hart dafür arbeiten.
Der Bruch kam mit dem 1:1 in der 75. Minute. Anthony Gordon schlug eine flache Hereingabe von der linken Seite, Kane stieg am ersten Pfosten hoch und köpfte über Mpasi hinweg ein - sein erster Turniertreffer. Elf Minuten später schaltete er nach einem Zuspiel des mittlerweile eingewechselten Cole Palmer schneller als sein Bewacher Axel Tuanzebe und traf zum 2:1. Es war Kanes 74. Länderspieltor und, wie die Sportschau erinnerte, Englands erster K.-o.-Sieg aus einem Rückstand seit dem WM-Finale 1966. „That feels absolutely fantastic, it was a crazy game“, sagte Kane bei der Pressekonferenz. Man habe vor dem Spiel darüber gesprochen, dass jeder ein Heldenmoment gehören könne. „Heute war es meiner.“
Die Nachricht nach dem Spiel
Für Sébastien Desabre war die Nacht damit noch nicht zu Ende. Als der 49-jährige Franzose sich im Presseraum des Atlanta Stadium neben den Team-Sprecher setzte, wandte sich dieser vor der ersten Frage an die Journalisten. „Wir möchten Ihnen mitteilen, dass der Trainer seinen Vater verloren hat. Unser aufrichtiges Beileid“, zitierte t-online.de den Wortlaut. Desabre schaute den Sprecher kurz überrascht an, bedankte sich knapp und stand auf. Ob er die Nachricht bereits vor dem Anpfiff erhalten hatte, war zunächst unklar. Der Verband Fecofa in Kinshasa äußerte sich in der Nacht nicht. Desabre trainiert die Nationalmannschaft der DR Kongo seit August 2022 und hatte die Löwen wenige Monate zuvor beim Afrika-Cup 2026 ins Halbfinale geführt.
Zurück bleibt ein Turnier, in dem die Léopards nach Vorrundenspielen gegen Portugal (0:2), Kolumbien (1:1) und Usbekistan (2:0) als einer der besten Gruppendritten in die K.-o.-Runde eingezogen waren - und das erste Mal in der Geschichte des Verbandes das Sechzehntelfinale erreicht hatten. Chancel Mbemba, Kapitän und Innenverteidiger bei LOSC Lille, sprach nach dem Spiel von einem Abend, an dem der Mannschaft „15 Minuten fehlten“. Der Fecofa-Präsident Constant Omari kündigte in einer kurzen Mitteilung an, das Team am Freitag am Flughafen von Kinshasa zu empfangen. In der Gruppe K spielten sich die Léopards in einen K.-o.-Platz; in Atlanta scheiterten sie am Rekordtorschützen Englands. Und im Presseraum an einer Nachricht, die niemand vorbereiten kann.