Wenn Cristiano Ronaldo am Mittwochabend um 19:00 Uhr deutscher Zeit im NRG Stadium von Houston aufläuft, hat sein Gegner einen Hindernisparcours hinter sich, der mit Fußball nur am Rand zu tun hat. Die Demokratische Republik Kongo, erstmals seit 1974 wieder bei einer Weltmeisterschaft, kommt in die USA, nachdem sie 21 Tage in einer von der Trump-Regierung verordneten Isolation in Belgien verbracht hat - eine Auflage, die Andrew Giuliani, Leiter der WM-Taskforce des Weißen Hauses, im Mai gegenüber ESPN unmissverständlich begründet hatte.

Auslöser ist ein Ebola-Ausbruch, den die Weltgesundheitsorganisation Mitte Mai im Grenzgebiet zwischen der DR Kongo und Uganda festgestellt hatte. Bis vor Turnierbeginn waren laut Tagesspiegel rund 800 Verdachtsfälle dokumentiert. Das Epizentrum liegt im Osten des Landes, weit entfernt von der Hauptstadt Kinshasa. Trainer Sébastien Desabre und seine Spieler leben und arbeiten ohnehin außerhalb des Landes, die meisten bei französischen Klubs, doch genau das verhinderte den Ausbruch der Auflagen nicht. Das geplante dreitägige Trainingslager in Kinshasa wurde ebenso abgesagt wie eine Abschiedsfeier mit den Fans.

Wir haben dem Kongo sehr deutlich gemacht, dass die Mannschaft die Integrität ihrer Bubble 21 Tage lang aufrechterhalten muss.
- Andrew Giuliani, Leiter der White-House-WM-Taskforce, ESPN

Belgien statt Kinshasa, ein 0:0 und eine Niederlage

Statt im heimischen Kinshasa bereitete sich der Tabellenfünfte der CAF-Qualifikation in einem belgischen Camp vor. Zwei Härtetests blieben übrig: ein 0:0 gegen Dänemark und eine 1:2-Niederlage gegen Chile, das ursprünglich in Spanien hatte spielen sollen. Die sportliche Ausbeute ist überschaubar, die organisatorische Botschaft umso klarer: Desabre wollte die Saison-Verlängerung seiner Profis nutzen und nicht riskieren, dass eine Quarantänelücke das Visum kosten könnte. Sportschau-Redakteur Maximilian Frank zitierte Giuliani in der vergangenen Woche mit der Linie der US-Behörden, man wolle „sicherstellen, dass auf diesem Wege nichts in unsere Nähe oder in die Nähe unserer Grenzen gelangt“.

Selbst die Anreise hat Symbolcharakter: Mannschaftsbus mit Léopard-Aufdruck, Anzug mit Leopardenfell-Schärpe, ein Empfang am Houstoner Flughafen, der laut ZDFheute erst nach gesonderter Genehmigung möglich war. In Houston bezog das Team ein abgeschottetes Hotel im Stadiongürtel, Medienzugang nur in vorgegebenen Fenstern.

Ein Fan, ein Stadion, eine Mission

Die schärfsten Spuren der Auflagen sieht man nicht im Kader, sondern auf der Tribüne. Anhänger der „Léopards“ dürfen wegen der WHO-Reisehinweise nicht aus der DR Kongo in die USA einreisen. Stellvertretend für ein ganzes Land tritt deshalb in Houston ein einziger Anhänger an: Michel Kuka Mboladinga, 50, der laut Tagesspiegel als offizielles Delegationsmitglied eingebucht ist. Er wird auch beim zweiten Spiel in Guadalajara gegen Kolumbien und beim dritten in Atlanta gegen Usbekistan als einziger einheimischer Fan im Stadion sein - eine stille Ehrung Patrice Lumumbas inklusive.

Sportlich ist die Lage für die kongolesische Mannschaft trotz aller Hindernisse stabiler, als die Quote vermuten lässt. Kapitän Chancel Mbemba, in Marseille zuletzt aussortiert und in Lille gelandet, führt eine Hintermannschaft an, die in der Qualifikation gegen Nigeria im Playoff bestand. Aaron Wan-Bissaka (West Ham) deckt die rechte Seite ab, Axel Tuanzebe (Burnley) erzielte das entscheidende Tor des Playoffs. Im Mittelfeld stehen Yoane Wissa (Newcastle) und Cédric Bakambu (Real Betis) für Tempo und Tor-Routine, dazu kommt Stürmer Meschack Elia, der in Bern erstmals Champions-League-Erfahrung sammelte.

Für Portugal-Trainer Roberto Martínez ist der Gegner damit kein Wackelteil. „Die DR Kongo ist eine der schnellsten Mannschaften des Turniers, wir müssen das Pressing aushalten“, sagte er am Dienstag in Houston. Auf Ronaldos Seite stellen sich nach 17 Länderspieljahren existenziellere Fragen, auf Kongos Seite eine sehr konkrete: ob 21 Tage Belgien und eine ausgedünnte Vorbereitung reichen, um in der Gruppe K, in der auch Belgien und Senegal warten, das Achtelfinale zu erreichen. Der Anpfiff von Schiedsrichter Facundo Tello klärt sie nicht. Aber er markiert für die „Léopards“ das Ende eines Anlaufs, dessen Streckenführung mit Sport zuletzt nur noch wenig zu tun hatte.