Abdul El-Sayed hat die demokratische Vorwahl um den Senatssitz in Michigan gewonnen. Die Associated Press rief den Sieg des Epidemiologen am Mittwochmorgen, 5. August, um 9:56 Uhr Ortszeit aus, mehr als zwölf Stunden nach Schließung der Wahllokale. Bei ausgezählten 99 Prozent lag El-Sayed rund einen Prozentpunkt vor der von der Parteiführung gestützten Kongressabgeordneten Haley Stevens - ein Vorsprung von etwa 15.000 Stimmen bei knapp 1,5 Millionen abgegebenen Voten.
Der 41-jährige Rhodes-Scholar und ehemalige Gesundheitsdirektor von Wayne County zieht damit als Kandidat der Progressiven in die Novemberwahl gegen den Republikaner Mike Rogers, der bei den Republikanern ohne Gegenkandidat antrat und von Präsident Donald Trump unterstützt wird. Der zu vergebende Sitz war zuvor von Senator Gary Peters gehalten worden, der nicht erneut antritt. Für die Mehrheit im Senat gilt Michigan bei den Zwischenwahlen als einer der entscheidenden Staaten.
Getragen wurde El-Sayeds Kampagne von einer Koalition um den Vermonter Unabhängigen Bernie Sanders und die New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, dazu kam die Unterstützung der Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers. Sanders sprach nach Auszählung von einem der außergewöhnlichsten Vorwahlerfolge der jüngeren US-Geschichte. Stevens wiederum konnte auf die Rückendeckung von Peters, der früheren Senatorin Debbie Stabenow sowie von Gouverneurin Gretchen Whitmer verweisen.
Abduls Vorwahlsieg sendet an jeden anderen demokratischen Politiker ein Signal: Wenn ihr gegen mächtige Interessen kämpft, könnt ihr gewinnen.
Nach Berechnungen von Bridge Michigan flossen in dem Rennen insgesamt 98,2 Millionen Dollar an externen Ausgaben - das drittteuerste Senats-Vorwahlrennen in der Geschichte der USA. Rund 88 Prozent stammten von Außengruppen. Wie Al Jazeera berichtet, gab allein die dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) nahestehende United Democracy Project mehr als 30 Millionen Dollar für Kampagnen gegen El-Sayed aus. Insgesamt wurden nach Angaben mehrerer Medien über 60 Millionen Dollar von pro-israelischen Gruppen gegen ihn mobilisiert. Der Ausgang gilt in Washington daher auch als schwerer Rückschlag für AIPAC.
Gaza-Position im Zentrum der Kampagne
Inhaltlich prägten die Auseinandersetzungen um Israels Militäraktionen in Gaza die letzte Phase der Vorwahl. El-Sayed, Sohn ägyptischer Einwanderer und praktizierender Muslim, hatte das Vorgehen der israelischen Regierung wiederholt als Völkermord bezeichnet und ein Ende der militärischen Unterstützung durch die USA gefordert. Stevens dagegen verteidigte die bisherige Militärhilfe. Wie NBC News berichtet, machten die außenpolitischen Differenzen einen der schärfsten Konfliktpunkte der Kampagne aus, verstärkt durch die Auseinandersetzung um Wählerstimmen aus der arabischamerikanischen Community in Detroit und Dearborn.
Neben Gaza stellte El-Sayed innenpolitisch eine Ausweitung des staatlichen Krankenversicherungssystems zu einer Medicare-for-All-Lösung, eine jährliche Vermögensteuer von sieben Prozent auf Milliardärsvermögen sowie die Zurückdrängung von Unternehmensspenden im politischen Prozess in den Mittelpunkt. In seiner Siegesansprache griff er einen Grundsatz aus der Gettysburg-Rede von Abraham Lincoln auf und sprach von einer Regierung, „die auf dem Fundament dessen aufgebaut ist, was diese Regierung ursprünglich sein sollte, eine Regierung des Volkes, durch das Volk".
Historische Dimension - und ein enges Rennen im November
Sollte El-Sayed im November gewinnen, würde er als erster Muslim in den US-Senat einziehen. Maya Berry, Direktorin des Arab American Institute, sagte Al Jazeera, die Wählerinnen und Wähler hätten die millionenschwere Negativkampagne „schlicht nicht gekauft". Stevens erkannte in ihrer Concession Speech die Qualifikationen ihres Konkurrenten an und kündigte an, ihn im Wahlkampf gegen Rogers zu unterstützen: „Ich bin stolz, meine Unterstützung anzubieten, während er gegen Mike Rogers in die Hauptwahl geht."
Rogers, der 2024 die Senatswahl in Michigan knapp gegen die Demokratin Elissa Slotkin verloren hatte, bezeichnete El-Sayed umgehend als „linksradikalen Sozialisten" und stellte dessen Mehrheitsfähigkeit im Staat in Frage. Beobachter erwarten in Michigan eine der teuersten und intensivsten Senatswahlen des Novembers - mit einem inhaltlichen Kontrast, der über die klassische Rechts-Links-Achse hinausgeht: Für die Demokraten steht die Frage im Raum, ob progressive Kandidaten in Wechselstaaten Mehrheiten holen können, wenn sie sich klar von der Israel-Linie der Parteiführung absetzen.