Zwei Tage nach dem Elfmeter-Aus gegen Paraguay steht der Deutsche Fußball-Bund vor einer Aufgabe, die er zuletzt 2004 hatte: einen Neuaufbau, der ohne Turnier als nächste Bewährung nur die Europameisterschaft 2028 kennt. Das Endspiel steigt am 9. Juli 2028 im Londoner Wembley-Stadion, ausgetragen wird das Turnier von England, Schottland, Wales, Nordirland und Irland. Für den DFB heißt das: 24 Monate zwischen Foxborough und Wembley - und ein Zeitplan, der schneller taktet, als es sich in Frankfurt am Main gerade anfühlt.
Der erste feste Termin steht am 6. Dezember 2026 in Belfast im Kalender: Dann lost die UEFA die Qualifikationsgruppen aus. Zwölf Gruppen mit vier oder fünf Teams spielen zwischen März und November 2027 die zwölf direkten Startplätze und die Play-off-Plätze aus. Anders als bei EM 2024 im eigenen Land ist Deutschland dieses Mal nicht als Gastgeber gesetzt - der DFB muss sich sportlich qualifizieren.
Vor dieser Kulisse verhandelt der Verband über die Trainerfrage. Julian Nagelsmann hat einen Vertrag bis 2028 und lehnt einen Rücktritt ab. „Ich bin auf jeden Fall keiner, der wegläuft, aber klar, ich kenne auch Mechanismen im Fußball. Ich habe Vertrag und ich stehe auch zur Verfügung“, sagte er nach dem Sechzehntelfinale gegenüber der Sportschau. Präsident Bernd Neuendorf vertagte am Mittwoch die Entscheidung, wie Sky Sport berichtete. Sportdirektor Rudi Völler hält an ihm fest: „Ich finde immer noch: Er ist ein absoluter Toptrainer.“ Jürgen Klopp, seit 2025 Head of Global Soccer bei Red Bull, wurde als möglicher Nachfolger genannt, winkte aber ab: „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen.“ Ralf Rangnick sitzt bis EM 2028 unter Vertrag beim ÖFB, Thomas Tuchel als englischer Nationaltrainer ebenfalls bis Wembley.
Der Kader zwischen Alter und Umbruch
Neben der Trainerfrage steht die Kaderfrage - und die läuft auf einen Generationswechsel hinaus, wie ihn Deutschland zuletzt nach der WM 2018 in Russland erlebte. Manuel Neuer wird zum Turnierstart 2028 42 sein, Oliver Baumann 38, Pascal Groß 37, Leon Goretzka 33. Kapitän Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Deniz Undav bilden den Kern, der bleibt. Dahinter drängen die U21-Jahrgänge nach: Lennart Karl (18), Said El Mala (19) und Assan Ouedraogo (20) sollen bis 2028 an das A-Team herangeführt werden.
In den Momenten, in denen wir da sein müssen, sind wir es nicht - offensiv wie defensiv.
Das Problem sitzt tiefer als in Personalien. Mats Hummels, längst nicht mehr im Kreis, brachte es nach dem Aus auf den Punkt: „Individuelle Klasse fehlt auf den meisten Positionen. Auf ganz wenigen haben wir sie.“ Selbst Jamal Musiala und Florian Wirtz spielten in den USA unter dem Niveau, das ihnen vor dem Turnier zugetraut wurde - ein Befund, der die Diskussion um Nagelsmanns Taktik überlagert. Rüdiger sagte in Foxborough: „In den Momenten, in denen wir da sein müssen, sind wir es nicht - offensiv wie defensiv.“
Was der DFB bis Belfast entscheiden muss
Der Fahrplan bis zur Auslosung im Dezember ist eng. Der DFB muss klären, ob Nagelsmann bleibt oder eine Vertragsauflösung sucht - je länger die Personalie offen liegt, desto schwieriger wird die Nations-League-Kampagne im Herbst, die zugleich als Vorbereitung auf die Qualifikation dient. Neuendorf hat bereits durchblicken lassen, dass die Trainerfrage nicht auf der Straße entschieden wird. Der Nations-League-Spielplan der Liga A, in der Deutschland zwischen September und November 2026 antritt, entscheidet zusätzlich über den Setzkreis für die EM-Auslosung. Ohne saubere Ergebnisse landet Deutschland in Belfast in Topf zwei.
Bleibt die Ausgangslage: Zwischen dem WM-Aus in Foxborough und dem EM-Finale in Wembley liegen 24 Monate. In dieser Zeit muss der DFB einen Trainer bestätigen, einen Kader umbauen und eine Qualifikation überstehen, die anders als 2024 nicht per Gastgeberrecht wegfällt. Die Deadline heißt 6. Dezember 2026.