Alice Schwarzer stellt ihre Zeitschrift EMMA ein. Das kündigte die Publizistin am Dienstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in Köln an. Am 8. Dezember 2026 erscheint die 398. und letzte Ausgabe des feministischen Magazins, das Schwarzer am 26. Januar 1977 gegründet hatte. Nach 50 Jahren und 36.584 Seiten verschwindet damit eine der prägendsten publizistischen Stimmen der bundesdeutschen Frauenbewegung aus dem Zeitschriftenregal.
Ökonomische Gründe seien es nicht, betonte Schwarzer. „Sicher, auch unsere Auflage sinkt. Aber unsere Einnahmen decken immer noch die Ausgaben“, sagte die 83-Jährige der dpa. „Nein, wir gehen, weil wir meinen: Es reicht!“ EMMA habe über drei Feministinnen-Generationen hinweg Stellung gehalten, gegen Moden und gegen „so manchen Unsinn im Namen des Feminismus“. Dann folgt der Satz, mit dem sie das Projekt endgültig schließt: „Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“
Dass der Rückzug finanziell gepolstert erfolgt, ist Teil der Erzählung, aber nicht die ganze. Schwarzer selbst räumte 2024 ein, dass jede fünfte Leserin aus Protest gegen ihre Haltung zum Ukrainekrieg ihr Abonnement gekündigt habe. Der Streit um das von ihr mitgetragene „Manifest für Frieden“ und die Forderung nach Verhandlungen mit Moskau zog sich seit 2022 durch die Leserschaft. Hinzu kommen Dauerkonflikte um Schwarzers Positionen zu Trans-Rechten, zu Islam und Migration und ein wiederkehrender Vorwurf: die Zeitschrift sei zuletzt stärker durch ihre Herausgeberin definiert gewesen als durch die Themen.
Sie kämpfte vor allem für eine Frau. Sich selbst.
In einem Kommentar zur Einstellung schreibt die taz-Redakteurin Carolina Schwarz, EMMA habe dem deutschen Feminismus zuletzt mehr geschadet als genutzt. Sie listet die „transfeindlichen Positionen“, die „rassistischen Stereotype über migrantische und vor allem muslimische Männer“ und die „realitätsverdrehende Haltung zum Ukrainekrieg“ auf. 33 Autorinnen und Künstlerinnen hatten 2023 öffentlich gegen Auftritte Schwarzers protestiert und ihr „transfeindliche, rassistische und misogyne Aussagen“ vorgeworfen. Eine geordnete Nachfolge gelang nicht: 2008 übernahm die Journalistin Lisa Ortgies die Chefredaktion, nach kurzer Zeit kam es zum Zerwürfnis, Schwarzer übernahm das Blatt wieder selbst.
Das Archiv geht nach Marbach
Was von EMMA bleibt, wandert in die Obhut des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Dokumente, Korrespondenzen, Umfragen und Kampagnenunterlagen aus 50 Jahren feministischer Publizistik gehen in den Bestand des DLA über und sollen ab 2029 öffentlich für die Forschung zugänglich sein. Darin steckt die Materialgeschichte von Debatten, die EMMA früh gesetzt hatte: der Prozess um Paragraf 218, die „PorNO“-Kampagne von 1988, die Berichterstattung über sexuellen Missbrauch an Kindern ab 1978, über Islamismus ab 1979, über Ehegattensplitting, Brustkrebs und weibliche Genitalverstümmelung.
Die Dezember-Ausgabe wird nach Angaben der Redaktion doppelt so umfangreich wie üblich und soll Bilanz ziehen über die „50 wichtigsten Themen“ aus fünf Jahrzehnten. Die vorletzte Ausgabe war am 27. Oktober geplant. Was mit der EMMA-Website und mit der verbliebenen Redaktion geschieht, teilte Schwarzer bislang nicht mit. Dass eine Nachfolgerin das Magazin übernimmt, hat sie wiederholt ausgeschlossen - mögliche Kandidatinnen hätten andere Medien vorgezogen.
Zurück bleibt ein publizistisches Projekt, das 1977 als Gegenentwurf zur bürgerlichen Frauenpresse begann und über Jahrzehnte Themen in die Öffentlichkeit zwang, die anderswo nicht vorkamen. Und zurück bleibt die Frage, wer in Deutschland künftig feministische Debatten mit vergleichbarer Reichweite setzt - oder ob diese Rolle, wie Kritikerinnen seit Jahren schreiben, längst von jüngeren, digitalen Formaten übernommen wurde.