Die indische Zertifizierungsstelle eMudhra hat am Montag acht Zwischenzertifikate ihrer öffentlichen TLS-Hierarchie zurückgezogen, nachdem die zugehörigen privaten Schlüssel über eine fehlerhafte Schlüsselerzeugung bekannt geworden waren. Browserhersteller und Betriebssystemanbieter reagierten innerhalb weniger Stunden: Mozilla trug die Zertifikate in seine Sperrliste OneCRL ein, Google Chrome, Apple und Microsoft folgten bis zum 20. Oktober. Das Fachportal heise online berichtet von einem der schwerwiegendsten Vorfälle im globalen Vertrauensnetz der Browser seit Jahren.
Besonders brisant ist, wie trivial die betroffenen Schlüssel waren. Nach Angaben des Linux-Weekly-News-Portals und des US-Fachdienstes The Register bestanden sämtliche acht geheimen Schlüssel aus einstelligen bis dreistelligen ganzen Zahlen, obwohl das verwendete Verfahren EC-384 zufällige 384-Bit-Werte vorsieht. Einer der privaten Schlüssel war schlicht die Zahl 4, weitere wurden mit Werten wie 155 und 156 erzeugt. Da sich die Schlüssel aus den öffentlich einsehbaren Zertifikaten rekonstruieren ließen, hätte jeder Angreifer gültige HTTPS-Zertifikate für beliebige Domains ausstellen können, denen Browser weltweit vertraut hätten.
Entstanden war der Fehler nach eigenen Angaben von eMudhra bei einer Key Generation Ceremony am 30. April 2025. Ein Fehler im Erzeugungsskript lieferte parallel zu den vorgesehenen 384-Bit-Zufallswerten einen zweiten, schwachen Satz, und ausgerechnet dieser schwache Satz landete in den Browser-Vertrauensspeichern. Entdeckt wurde das Problem erst am 17. Oktober 2026 um kurz nach 18 Uhr deutscher Zeit, als ein Mitglied der Kryptografie-Community die Lücke an Mozilla und Google meldete. Mozilla trug die Zertifikate laut dem IT-Security-Portal securityonline.info innerhalb von unter drei Stunden in seine OneCRL-Sperrliste ein.
Firefox, Chrome und Node.js patchen in Serie
Firefox veröffentlichte am 20. Oktober die Notfall-Versionen 158.0.1, 153.5.1 und 115.43.1, die die Wurzelzertifikate von eMudhra komplett aus dem Vertrauensspeicher entfernen. Für Software ohne eingebauten Sperrlisten-Abgleich zogen die Hersteller eigene Updates nach: Die Programmiersprache Go erschien in den Versionen 1.27.3 und 1.26.10, Node.js am 21. Oktober in 22.23.4, 24.22.1 und 26.12.1. Nutzer von Debian und Ubuntu müssen das Paket ca-certificates aktualisieren. Der Cloudflare-Blog meldet, der Konzern habe seine Edge-Infrastruktur bis zum 20. Oktober gegen die kompromittierten Zertifikate abgesichert; aktive Angriffe auf die eigenen Dienste habe die Sicherheitsabteilung bislang nicht festgestellt, das Ereignis sei aber ein schwerwiegender Vorfall mit Auswirkungen für das gesamte Internet.
eMudhra selbst spielt den Schaden herunter. In einer Stellungnahme vom 21. Oktober erklärt das Unternehmen, sieben der acht Zwischenzertifikate seien nie produktiv genutzt worden; das achte habe zu keinem Zeitpunkt ein einziges Zertifikat ausgestellt. Betroffen sei ein einzelnes US-Kundenökosystem, auf eMudhras Kerngeschäft mit digitalen Signaturen und eSign-Diensten in Indien gebe es keine Auswirkung. Das globale TLS-Geschäft macht nach Firmenangaben etwa ein Prozent des Umsatzes aus. In seiner Pressemitteilung räumt eMudhra ein, die schwachen Schlüssel ließen sich möglicherweise mit KI-gestützten Verfahren aus den veröffentlichten Zertifikaten herleiten. Branchenforscher hatten das Gegenteil demonstriert und zu Testzwecken ein gültiges Zertifikat für die Domain q3k.google.com ausgestellt, das Firefox vor dem Update akzeptierte.
Für Betreiber in Deutschland bedeutet der Vorfall vor allem Aufwand bei Server-Software, die eigene Zertifikatslisten mitführt. Mozilla hatte eMudhra bereits im Juni 2025 wegen einer anderen Panne gerügt - damals hatte die CA Sperrlisten mit falschen Schlüsseln signiert. Nach dem jetzigen Vorfall ist unklar, ob Chrome, Firefox und Apple die noch verbleibenden eMudhra-Wurzelzertifikate dauerhaft im Vertrauensspeicher belassen. Mozilla hat auf seiner Policy-Mailingliste bereits eine Grundsatzdebatte angekündigt.