Im Datensatz, den das US-Justizministerium über den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein veröffentlicht hat, ist nach Recherchen von ZDF und Spiegel der Name einer seit 2015 vermissten jungen Frau aus Deutschland aufgetaucht. Michele, damals 22 Jahre alt, verließ im September 2015 die Wohnung ihrer Mutter mit einem Koffer und ist seitdem verschwunden. Die ZDF-Reportage „Die Spur“ rekonstruierte den Fall am Mittwochabend im Hauptprogramm.

Im Mittelpunkt steht der schwedisch-algerische Modelscout Daniel Siad, dessen Name laut den ausgewerteten Akten rund 1.800 Mal in den Epstein-Files erscheint. Siad hatte Michele wenige Monate vor ihrem Verschwinden in Dubai angesprochen. 2014 schickte er Epstein Fotos von ihr und fragte gegenüber dem Milliardär nach einem Flugticket. „Du wirst sie lieben“, schrieb er nach Auswertung von ZDF und Spiegel in einer der Nachrichten.

Du wirst sie lieben.
- Daniel Siad in einer Nachricht an Jeffrey Epstein, 2014, zitiert nach ZDF und Spiegel

Micheles Mutter erinnert sich in der Dokumentation an die erste Begegnung der Tochter mit Siad: „Sie war in einer Tanzbar in Dubai.“ Der Vater berichtet, er habe kurz vor dem Verschwinden ein Telefonat mitgehört, in dem Siad seine Tochter scharf zurechtgewiesen habe; Michele habe ihm gegenüber außerdem erwähnt, Siad betreibe einen Escort-Service. Siad selbst weist sämtliche Vorwürfe zurück und bestreitet, von den Übergriffen Epsteins gewusst zu haben. In Frankreich läuft gegen ihn ein Verfahren, in dem fünf Frauen ihm Vergewaltigung und Menschenhandel vorwerfen.

Polizei prüft Ermittlungsverfahren

Im Frühjahr 2026 teilte die zuständige Polizei dem ZDF und dem Spiegel mit, eine öffentliche Fahndung nach Michele sei weiterhin nicht geplant. Inzwischen wollen die Behörden allerdings prüfen, ob ein Ermittlungsverfahren wegen einer möglichen Straftat eingeleitet werden kann. Das ZDF-Format „Die Spur“ hatte den Fall mit Gesichtserkennungssoftware und einer forensischen Telefondaten-Analyse rekonstruiert; nach 2015 fanden die Reporter keine digitalen Spuren der jungen Frau mehr.

Der deutsche Bezug rückt die seit Februar 2026 sukzessive veröffentlichten Epstein-Akten in einen neuen Kontext: Bislang dominierten in den US-Medien die Namen von Geschäftspartnern und Bekanntschaften des Finanziers. Mit den Recherchen von ZDF und Spiegel wird sichtbar, dass Spuren auch in unaufgeklärten Vermisstenfällen in Europa enden. Die Sendung „Die Spur: Vermisst - Die Deutsche aus den Epstein-Files“ ist seit Mittwoch in der ZDF-Mediathek abrufbar.