Der weltweite Erdüberlastungstag fällt in diesem Jahr auf den 30. Juli. Von Donnerstag an lebt die Menschheit rechnerisch auf Kredit: Alle nachwachsenden Ressourcen, die die Ökosysteme des Planeten binnen zwölf Monaten regenerieren können, sind aufgebraucht. Das teilte das kalifornische Global Footprint Network am Mittwoch aus Genf mit. Nach Berechnungen der Organisation nutzt die Menschheit die Natur derzeit 73 Prozent schneller, als sie sich erneuert - rechnerisch bräuchte es 1,73 Erden, um den aktuellen Verbrauch abzudecken.
Der Termin liegt sechs Tage später als 2025, als der Overshoot Day auf den 24. Juli gefallen war. Das Global Footprint Network führt die Verschiebung ausdrücklich nicht auf sinkenden Ressourcenverbrauch zurück, sondern auf eine methodische Korrektur: Neu bewertet wurde vor allem, wie viel Kohlendioxid die Ozeane binden können. „Overshoot ist kein fernes Umweltproblem mehr, es erzeugt bereits heute ökonomische Folgen“, sagte David Lin, Chefwissenschaftler des Netzwerks, in der Ankündigung. Aus seiner Sicht sei die diesjährige Übernutzung die größte, die je erfasst wurde.
Deutscher Overshoot Day schon im Mai
Für Deutschland liegt der Stichtag weit früher. Nach WWF-Berechnungen hat die Bundesrepublik ihren Anteil an den regenerierbaren Ressourcen bereits am 10. Mai 2026 aufgebraucht. Würden alle Menschen so leben wie die Deutschen, wären rechnerisch 2,8 Erden nötig. Der WWF beziffert den ökologischen Fußabdruck pro Kopf hierzulande auf 4,18 globale Hektar, weltweit stünden im Durchschnitt nur 1,63 Hektar pro Person zur Verfügung. Bei einem Bevölkerungsanteil von einem Prozent sei Deutschland für rund zwei Prozent der direkten CO2-Emissionen verantwortlich.
„Dass der Erdüberlastungstag in diesem Jahr sechs Tage später liegt als 2025, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die ökologischen Grenzen unseres Planeten weiter massiv überschreiten“, zitiert der Umweltverband seinen Kreislaufwirtschafts-Experten Björn Schulz. Die Deutsche Umwelthilfe rechnete den Wert für ihre Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz auf einen einprägsamen Vergleich herunter: „Wenn alle Menschen so ressourcenintensiv leben würden wie wir in Deutschland, bräuchten wir zweieinhalb Erden.“
BUND spricht von „Insolvenzverwaltung“
Am schärfsten fällt die Kritik des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) aus. Vorsitzender Olaf Bandt bezeichnete die Lage am Dienstag als „umweltpolitische Insolvenzverwaltung“: Das Wirtschaftssystem verbrauche seine eigene Substanz und zerstöre die Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Der Verband fordert nach eigener Mitteilung einen beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energien - insbesondere Gas -, den Ausbau erneuerbarer Energien, mehr Elektromobilität auf Schiene und Straße sowie ein Ressourcenschutzgesetz mit verbindlichen Reduktionszielen.
Sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen seien bereits überschritten, hält der BUND fest. Global habe sich der Ressourcenverbrauch in den vergangenen fünf Jahrzehnten verdreifacht; Wälder und Ozeane könnten die freigesetzten Mengen an Kohlendioxid nicht mehr aufnehmen. Als „Brandbeschleuniger“ wirke die Erderwärmung: Die schweren Brände in Südwesteuropa dieses Sommers stünden in einer direkten Linie mit den überzogenen Verbrauchsmustern.
Wie sich der Overshoot Day politisch verschieben ließe, hat das Global Footprint Network in Modellrechnungen skizziert. Höhere CO2-Preise könnten den Termin um 63 Tage nach hinten schieben, ein Anteil erneuerbarer Energien von 75 Prozent an der Stromproduktion um weitere 26 Tage, eine Halbierung des Fleischkonsums um 17 Tage. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der weltweite Stichtag jedoch nur wenig bewegt - er verharrt konstant in einem engen Fenster im Sommer. Noch Anfang der 1970er Jahre lag der Erdüberlastungstag im Dezember.