Wenige Stunden vor dem ESC-Finale in Wien hat Eurovision-Direktor Martin Green eine Debatte ausgelöst, die den Wettbewerb über das Finale hinaus beschäftigt: Russland könne theoretisch wieder am Eurovision Song Contest teilnehmen. Dem britischen Sender LBC sagte Green auf die Frage, ob eine Rückkehr möglich sei, „theoretisch ja“ (im Original „Theoretically, yes“). Der spanische Sender RTVE reagierte umgehend mit scharfer Kritik, Green ruderte noch am Abend des Finales zurück.
Greens Argumentation zielt auf das Verfahren, nicht auf den Krieg. Russland sei 2022 nicht wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine ausgeschlossen worden, sondern weil sich der staatliche Sender VGTRK nicht als unabhängig vom Kreml habe nachweisen lassen, erklärte Green gegenüber LBC. Würde man den Ausschluss am Krieg festmachen, gerate man in ein „wirklich schwieriges Terrain sehr subjektiver Werturteile“ (im Original „really difficult territory of making very subjective value judgements“). Das Interview führte LBC-Journalist Pablo O'Hana am Mittwoch vor dem Finale; veröffentlicht wurde es laut LBC am 15. Mai.
Brisant ist die Aussage, weil sie der verbreiteten Lesart widerspricht, der Ausschluss Russlands sei ein prinzipielles Signal gegen den Krieg gewesen. Russische Sender hatten nach dem Ausschluss 2022 die Europäische Rundfunkunion (EBU) verlassen. Greens Darstellung reduziert den Vorgang auf eine Frage der Senderunabhängigkeit - und öffnet damit rhetorisch eine Tür, die viele für dauerhaft verschlossen hielten.
RTVE spricht von Doppelmoral
Am schärfsten fiel die Reaktion aus Spanien aus. RTVE-Präsident José Pablo López schrieb auf der Plattform X, Eurovision würde „mitten in der Invasion der Ukraine die Tür für Russland öffnen, nur um seine Doppelmoral gegenüber Israel zu rechtfertigen“. Solche Äußerungen, so López, „zerstören das Image des Wettbewerbs und erschweren die Rückkehr Spaniens“. Green habe damit, wie Euronews berichtet, eine „eklatante Beleidigung europäischer Werte“ begangen. López forderte die EBU auf, die Aussagen „förmlich zurückzuweisen“.
Eurovision würde mitten in der Invasion der Ukraine die Tür für Russland öffnen, nur um seine Doppelmoral gegenüber Israel zu rechtfertigen.
Der Vorwurf trifft den ESC an einem wunden Punkt. RTVE hatte das diesjährige Finale nicht übertragen und war dem Wettbewerb gemeinsam mit Irland, Island, den Niederlanden und Slowenien aus Protest gegen die Teilnahme Israels ferngeblieben - die meisten Boykotte seit Jahrzehnten. Israels Beitrag von Noam Bettan wurde am Ende Zweiter mit 343 Punkten, hinter der Siegerin DARA aus Bulgarien. Vor der Wiener Stadthalle hatten rund 2.000 Menschen demonstriert.
Noch am Abend des Finales versuchte Green, die Wogen zu glätten. Auf der Pressekonferenz des ESC-Direktors in Wien sagte er laut WEB.DE: „Es gibt definitiv keine Pläne Russland zurückzuholen.“ Es gebe keine laufenden Gespräche über eine Rückkehr des russischen Senders, die kursierenden Berichte wies er als unzutreffend zurück. Bereits in einem offenen Brief an die Fans im Dezember 2025 hatte Green die EBU als regelbasiert und nicht politisch positioniert: „Wir hören euch“, schrieb er damals, der ESC sei „ein Ort, an dem Musik im Mittelpunkt steht“.
Die Klarstellung beendet die Personalie Russland vorerst, nicht aber den Grundkonflikt. Boykottländer wie Spanien lesen aus Greens Verfahrenslogik, dass die EBU politische Maßstäbe je nach Land unterschiedlich anlegt. Solange Israel startet und Russland ausgeschlossen bleibt, bleibt offen, nach welchem Prinzip die Rundfunkunion entscheidet - die Frage, die schon den Wiener Wettbewerb überschattet hat.