Am 5. August wäre der italienische Physiker Ettore Majorana 120 Jahre alt geworden. Wissenschaftshistoriker und Fachmagazine widmen ihm zum Jubiläum neue Rückblicke, und die Erinnerung fällt in ein Jahr, in dem sein Name auch außerhalb der Physik gegenwärtig ist. Am 2. Juni 2026 stellte Microsoft den Quantenchip Majorana 2 vor, den der Konzern als tausendfach zuverlässiger beschreibt als seinen Vorgänger. Der Chip trägt den Namen jenes Mannes, der 1938 spurlos verschwand, nachdem Enrico Fermi ihn mit Galileo Galilei und Isaac Newton verglichen hatte.
Majorana wurde 1906 in Catania auf Sizilien geboren und promovierte mit 23 Jahren unter Fermi in Rom in theoretischer Physik. Als Mitglied der „Ragazzi di Via Panisperna“, der Forschungsgruppe um Fermi, arbeitete er zunächst über Kernphysik und die Theorie der Neutrinos. 1933 verbrachte er ein halbes Jahr in Leipzig, wo er Werner Heisenberg kennenlernte. Wie die Enzyklopädie Brockhaus dokumentiert, veröffentlichte Majorana auf Heisenbergs Anregung dort seine Arbeit über die Kernkräfte in der Zeitschrift für Physik. Insgesamt publizierte er nur neun Fachartikel - Physiker nennen sie bis heute visionär.
Das Verschwinden von 1938
Am 25. März 1938 betrat der 31-jährige Professor die Universität Neapel, überreichte einer Studentin einen Stapel Vorlesungsunterlagen und bestieg wenig später ein Schiff nach Palermo. Es war das letzte Lebenszeichen. In einem Brief an seinen Freund und Kollegen Antonio Carrelli hatte er zuvor geschrieben: „Ich habe eine unumkehrbare Entscheidung getroffen. Bitte denke nicht schlecht von mir.“ Die Theorien reichen vom Suizid über den Rückzug in ein Kloster bis zur Ausreise nach Argentinien; der Fall bleibt bis heute ungeklärt. Der Schriftsteller Leonardo Sciascia trug ihn 1975 mit seinem Buch über den „Fall Majorana“ einem breiten italienischen Publikum vor.
Vom Fachaufsatz zum Silizium
Was Majorana wenige Monate vor seinem Verschwinden publizierte, prägt heute ein Forschungsgebiet, das mit der Physik der 1930er-Jahre wenig gemein hat. In seinem letzten Fachartikel von 1937 sagte er die Existenz von Teilchen voraus, die zugleich ihre eigenen Antiteilchen sind - später als Majorana-Fermionen bekannt. Microsoft setzt genau auf dieses Konzept: Der Konzern arbeitet an topologischen Qubits, deren Stabilität aus den vorhergesagten Eigenschaften der Majorana-Zustände abgeleitet wird. „Wir sind 1.000-mal besser“, sagte Chetan Nayak, Microsoft Technical Fellow, bei der Präsentation des Majorana-2-Chips laut der Meldung von Microsoft. Das Bauteil nutzt Blei statt Aluminium als Supraleiter, um die Qubits besser vor kosmischer Strahlung abzuschirmen. Ein kommerziell nutzbarer Quantencomputer soll laut Konzernangaben bis 2029 folgen - etwa halb so lange wie ursprünglich geplant.
Auch abseits der IT-Konzerne wirkt Majoranas Werk fort. Die Italien-Zeitung bezeichnet ihn zum 120. Geburtstag als „das Genie, das verschwand - und jetzt die Zukunft der Quantencomputer prägt“. Was aus dem Physiker am Nachmittag des 25. März 1938 wurde, wird die Wissenschaftsgeschichte vermutlich nicht mehr aufklären. Sein Ruf als einer der brillantesten theoretischen Köpfe des 20. Jahrhunderts wächst dagegen mit jeder neuen Anwendung, die auf seinen Gleichungen aufbaut.