Der Fall Folarin Balogun beschäftigt jetzt auch das Europaparlament. Wie unter anderem die Sportschau und Euronews berichten, haben die drei Abgeordneten Niels Fuglsang (Sozialdemokraten, Dänemark), Barry Andrews (Renew Europe, Irland) und Lara Wolters (Sozialdemokraten, Niederlande) einen Brief in Umlauf gebracht, mit dem sie die europäischen Fußballverbände auffordern, bei der FIFA eine Untersuchung gegen Präsident Gianni Infantino zu erwirken.

Wir bringen unsere Fassungslosigkeit über eine solche beispiellose, unverständliche und ungerechtfertigte Entscheidung zum Ausdruck, hatte die UEFA am Montag in einer offiziellen Mitteilung geschrieben und dabei den Ausdruck von einer „roten Linie“ verwendet, die im Fall Balogun überschritten worden sei. Genau diese Formel greifen die Abgeordneten in ihrem Brief auf, der bis Mittwoch, 18 Uhr MESZ, zur Unterschrift zirkulierte. „Wir sind der Meinung, dass es an der Zeit ist, dass die europäischen Fußballverbände eingreifen und die FIFA bitten, den Entscheidungsprozess zu untersuchen“, zitiert die Sportschau aus dem Text. Wenige Stunden vor Fristende hätten mehr als 55 Abgeordnete unterzeichnet.

Eine rote Linie ist überschritten worden. Fußball soll Menschen verbinden, nicht als Bühne für politische Gefälligkeiten dienen.
- Niels Fuglsang, Europaabgeordneter (S&D), gegenüber Euronews

Auslöser bleibt die kurzfristige Entscheidung der FIFA-Disziplinarkommission vom vergangenen Sonntag. Der US-Stürmer Balogun hatte gegen Bosnien-Herzegowina Rot gesehen und wäre nach den Regeln des Verbandes für das Achtelfinale gegen Belgien gesperrt gewesen. Nach einem von New York Times und AP übereinstimmend belegten Anruf von US-Präsident Donald Trump bei Infantino wurde die Ein-Spiel-Sperre auf ein Jahr Bewährung ausgesetzt. Balogun stand am Dienstag in Seattle in der Startelf, die USA verloren dennoch 1:4 gegen Belgien.

Andrews: „FIFA gibt Trump nach“

Der Ton der Abgeordneten ist scharf. „Wir haben einmal mehr gesehen, wie Infantino und die FIFA den Forderungen der Trump-Administration nachgegeben haben“, sagte Barry Andrews gegenüber Euronews. Der Ire verweist darauf, dass die europäischen Verbände die Möglichkeit hätten, den FIFA-Ethikkodex ins Spiel zu bringen, der ausdrücklich politische Neutralität der Funktionäre verlangt. Rückendeckung erhält die Initiative von der EU-Kommission: Sportkommissar Glenn Micallef nannte die Aufhebung der Sperre nach Angaben von Euronews eine Entscheidung „gegen den Geist und den Status der FIFA-Regeln“.

In Berlin dürfte der Vorgang am Freitag Thema werden. Das DFB-Präsidium tagt turnusgemäß, DFB-Chef Bernd Neuendorf sitzt zugleich als UEFA-Vertreter im FIFA-Rat. Er hatte den Fall Balogun bereits am Montag als „aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport“ bezeichnet und weitere Beratungen der europäischen Verbände angekündigt. Parallel prüfen nach Informationen von Absolutfussball die Verbände Englands und Frankreichs Einsprüche gegen Sperren eigener Spieler mit direktem Bezug auf den amerikanischen Präzedenzfall. Ein Rücktritt Infantinos gilt in den einschlägigen Analysen weiter als unwahrscheinlich, weil die Konföderationen aus Südamerika, Afrika und Asien den 56-Jährigen stützen. Der EU-Brief soll trotzdem, so Fuglsang, „ein Signal setzen, dass Europa nicht wegschaut“.