Die Europäische Zentralbank hat ihre lange Pause beendet. Am Donnerstagnachmittag hob der EZB-Rat in Frankfurt alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an - die erste Zinserhöhung seit September 2023. Der Einlagensatz, der für den Geldmarkt wichtigste Zins, steigt damit auf 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz auf 2,40 Prozent, der Spitzenrefinanzierungssatz auf 2,65 Prozent. Wirksam werden die neuen Sätze am 17. Juni.

Christine Lagarde verteidigte den Schritt vor Journalisten in Frankfurt mit ungewöhnlicher Schärfe. „Die Entscheidung, die Zinsen anzuheben, war einstimmig“, sagte die EZB-Präsidentin laut Liveblog von Finanzmarktwelt. „Andere Vorschläge sind nicht diskutiert worden.“ Wie das Bundesbank-Protokoll und Berichte der Süddeutschen Zeitung bestätigen, war es Chefvolkswirt Philip Lane, der den Vorschlag eingebracht hatte.

Das größte Risiko wäre gewesen, diese Entscheidung nicht zu treffen. Eine außer Kontrolle geratene Inflation lässt sich später nur sehr schwer wieder einfangen.
- Christine Lagarde, EZB-Präsidentin

Auslöser ist der Sprung der Verbraucherpreise im Euroraum auf 3,2 Prozent im Mai - deutlich über dem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent. Vor allem die Energiekomponente schoss in die Höhe: Plus 10,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben vom Krieg zwischen Israel und dem Iran und den jüngsten Spannungen an der Straße von Hormus. Lagarde sprach von einem Schock, der „robust gegenüber verschiedenen Szenarien“ abgesichert werden müsse. „Die Inflation greift in der gesamten Wirtschaft um sich“, sagte sie laut Reuters.

Kein vorgezeichneter Pfad

Anders als bei den Senkungsrunden ab Sommer 2024 will sich die EZB nicht auf weitere Schritte festlegen. „Wir verpflichten uns nicht zu einem bestimmten Zinspfad“, betonte Lagarde laut deutscher Mitschrift auf der EZB-Website. Entschieden werde von Sitzung zu Sitzung, auf Basis neuer Daten. Die Notenbank veröffentlichte zugleich ihre aktualisierten Projektionen: 3,0 Prozent Inflation für 2026, 2,3 Prozent für 2027, erst 2028 die Rückkehr auf das Ziel. Das Wachstum sieht der EZB-Stab bei 0,8 Prozent in diesem Jahr - „nicht ernsthaft gefährdet“, wie Lagarde sagte.

An den Märkten blieb die Reaktion verhalten. Wie das Handelsblatt schreibt, hatten Investoren den Schritt weitgehend eingepreist, der DAX bewegte sich am Donnerstagabend kaum, der Euro legte gegenüber dem Dollar leicht zu. Wir hatten am Vortag berichtet, dass die Märkte mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Anhebung auf 2,25 Prozent ausgingen. Der LBBW-Volkswirt Jens-Oliver Niklasch nannte den Schritt im Hausreport „sinnvoll, um rechtzeitig ein Stoppschild zu setzen und Zweitrundeneffekte zu begrenzen“.

Politische Folgen für Privatkunden

Für Verbraucher in Deutschland heißt das: Tagesgeld- und Festgeldzinsen dürften nach dem 17. Juni wieder steigen, Baufinanzierungen aber tendenziell teurer werden. Wie Finanztip dokumentiert, hatte ein Großteil der Geschäftsbanken die Zinssenkungen der vergangenen Quartale erst mit Verzögerung weitergegeben - die Anhebung könnten sie nun deutlich schneller einpreisen. Für die Bundesregierung ist die Entscheidung ein zweischneidiges Signal: Sie bremst die Inflation, verteuert aber die Refinanzierung der schuldenfinanzierten Sondervermögen.