Wenn der EZB-Rat an diesem Donnerstag ab 14.15 Uhr in Frankfurt seine Beschlüsse verkündet, dürfte er zum ersten Mal seit dem Herbst 2023 wieder die Leitzinsen anheben. Eine Erhöhung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte von 2,00 auf 2,25 Prozent gilt an den Finanzmärkten praktisch als ausgemachte Sache. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird die Entscheidung um 14.45 Uhr auf der Pressekonferenz erläutern und zugleich neue Inflations- und Wachstumsprognosen vorlegen.

Auslöser des Kurswechsels ist eine Inflation, die seit dem Frühjahr deutlich anzieht. Im Mai stieg die Teuerung im Euroraum nach der Eurostat-Schnellschätzung auf 3,2 Prozent, nach 1,7 Prozent im Februar und 3,0 Prozent im April. Energie verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr um 10,9 Prozent, Dienstleistungen um 3,5 Prozent, die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel kletterte auf 2,5 Prozent. In Deutschland lag die harmonisierte Rate bei 2,7 Prozent. Als zentralen Treiber nennen die EZB-Ökonomen den eskalierten Iran-Konflikt, der seit Wochen auf die Ölnotierungen und damit auf die Verbraucherpreise durchschlägt.

Lagarde öffnete die Tür im April

Bereits am 30. April hatte Lagarde nach der Ratssitzung erklärt, eine Zinserhöhung sei „eingehend diskutiert“ worden. Man werde die Frage „auf unserer nächsten geldpolitischen Sitzung erneut prüfen müssen“, sagte sie laut Bericht der Nachrichtenagentur dpa-AFX. Schon damals galt der Junitermin als wahrscheinlicher Zeitpunkt für eine erste Anhebung. Eine Mehrheit im Rat wollte zunächst die Mai-Inflationsdaten abwarten; diese liegen nun vor und untermauern den Schritt. Der Analysedienst ecb-watch.eu beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Anhebung um 25 Basispunkte mittlerweile mit 92 Prozent.

Bis zur nächsten Sitzung im Juni wird eine Zinserhöhung von wahrscheinlich 25 Basispunkten für die EZB unausweichlich sein.
- Moritz Kraemer, Chefvolkswirt LBBW

Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte vergangene Woche bestätigt, dass eine Zinserhöhung im Juni möglich sei, sollten sich die Inflationsaussichten nicht spürbar verbessern. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos warb dagegen dafür, „bei der Zinspolitik einen kühlen Kopf zu bewahren“. Auch der österreichische Notenbankgouverneur Martin Kocher äußerte sich vor der Sitzung zurückhaltend: Es sei „noch zu früh, um zu sagen, welche Entscheidung die Europäische Zentralbank bei ihrer nächsten Zinssitzung treffe“. An den Märkten dominiert dennoch die Erwartung eines Schritts nach oben.

Zielkonflikt mit der schwachen Konjunktur

Die EZB steht vor einem Dilemma. Während die Teuerung wieder klar über dem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent liegt, bleibt das Wachstum im Euroraum mit erwarteten 0,9 Prozent in diesem Jahr schwach. Eine Anhebung verteuert Kredite und damit Investitionen, eine Pause könnte dagegen die Inflationserwartungen verfestigen. Nach einer EZB-Umfrage gehen private Haushalte derzeit davon aus, dass die Preise in den kommenden zwölf Monaten um vier Prozent steigen. Der Anteil der Unternehmen, die Preiserhöhungen planen, liegt nach LBBW-Analyse so hoch wie zuletzt in den Pandemiejahren.

Auch über den Donnerstag hinaus dürften die Zinsen weiter steigen. Analysten von CMC Markets und IG erwarten bis Jahresende mindestens einen weiteren Schritt, der den Einlagensatz auf bis zu 2,5 Prozent treiben würde. Erste Senkungen sind nach den Markterwartungen frühestens für Herbst 2027 eingepreist. Für die Bauzinsen, die sich an den EZB-Beschlüssen orientieren, bedeutet das nach Einschätzung der Vergleichsplattform Dr. Klein zusätzlichen Aufwärtsdruck. Die endgültigen Mai-Inflationszahlen für den Euroraum veröffentlicht Eurostat eine Woche nach der Sitzung in Frankfurt.